Kreuzberger Chronik
April 2010 - Ausgabe 116

Herr D.

Der Herr D. und sein Chef


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von Hans W. Korfmann

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Die liebe ich!, dachte der Herr D, als die Liebich den Kopf durch die Tür seines Büros steckte. Sie saß im Nebenzimmer und hörte alles mit. Obwohl der Herr D. selten laut wurde. Vor allem nicht, wenn er mit seinem Chef sprach. Nicht aus Unterwürfigkeit, sondern weil er eines Tages verstanden hatte, dass es sich nicht lohnte, sich aufzuregen. Kritik zu üben.
Der Herr D. kannte seinen Chef seit zehn Jahren. Er hatte es miterlebt, wie sein ehemaliger Zimmerkollege Jahr für Jahr ein kleines Stückchen weiter nach oben kletterte auf der Gehaltsleiter. Der Herr
D. dagegen hatte es sich auf der zweituntersten Stufe bequem gemacht. Und wenn andere versuchten, ihm Ärger zu machen, dann wartete er, bis sie wieder draußen waren, murmelte dreimal »Arschloch« oder »Om« und kochte Kaffee.
An diesem Morgen aber, als der Chef wieder mal auf seinen verstaubten Gummibaum starrte, der seit zehn Jahren ein relativ tristes Dasein in Herrn D.´s Büro führte, und plötzlich sagte, er habe es sich ja ziemlich gemütlich gemacht in letzter Zeit, da reichte es dem Herrn D. Da wurde er laut. Und da grinste die Liebich durch den Türspalt.
Also radelte er eine Stunde früher nach Hause, fuhr zu seiner Enoteca, wo ihn der Wirt mit seinen Geschichten noch aus jedem Formtief gerissen hatte. Schon nach zehn Minuten lachten sie über die Herzinfarktraten in den Chefetagen und freuten sich tierisch, möglichst weit unten auf der Karriereskala zu rangieren. Sie lästerten über den Chef, der vor zehn Jahren kein anderes Ziel gekannt hatte, als den Herrn D. beim Tischtennis zu besiegen, und der nun nichts anderes mehr im Sinn hatte als die oberste Stufe auf der wackligen Erfolgsleiter. Nach dem zweiten Glas Wein hieß er nur noch »Horst«, und nach dem vierten nur noch »der Laubfrosch am Ende der Leiter«. Die beiden waren am Ende so guter Laune, dass sie auf ihrem Heimweg noch einen Umweg über den Heidelberger Krug machten.
Es war drei Uhr morgens, als sie von dort aufbrachen. Der Herr D. beschloss, zu schieben. Er hielt sich gut an seinem Rad fest, kam jedoch immer wieder in gefährliche Schräglagen und entschloss sich, doch lieber aufzusteigen. Kaum saß er und hatte erfolgreich einige Meter zurückgelegt, da hielt eine Polizeistreife. Sie grinsten so ähnlich wie die Liebich am Nachmittag und hielten ihm ein kleines Gerät unter die Nase. Es zeigte 1,54 Promille. »Na und«, sagte der Herr D., »ist das nun ein Verbrechen oder was?«
»Naja«, sagte der Wachtmeister: »Wenn Se uff de Kariereleita noch janz unten sind, interessiert det keen Arsch, wat Se nachts um dreie machen. Da müssen Se schon kleene Jungs angrabschen, damit wat in Bewejung kommt. Aba wenn Se janz ohm sind, denn brechen Se sich mit 1,54 Promille schon mal den Hals.« •

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