Kreuzberger Chronik
September 2009 - Ausgabe 110

Kreuzberger
Richard Schubert




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von Christoph Schröder

Titelfoto: Dieter Peters

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Richard Schubert »30% deiner Zeit verbringst du nur damit, deine Position in der Hierarchie zu sichern.«

RICHARD SCHUBERT ist 49 Jahre alt und eher von kleiner Statur. Vielleicht untermalt er deshalb seine Worte gern mit bedeutungsvollen Gesten. In Habitus und Aussehen des Mannes paart sich die vergangene Existenz als Physiker und Siemens-Angestellter mit der gegenwärtigen Existenz des Straßenverkäufers.
Zur Vergangenheit gehört zum Beispiel die Brille. Es ist eine »Naturwissenschaftlerbrille«, schmuckloses, solides Metallgestell; eine Brille, durch die jemand nur gut sehen will, mehr nicht. Auch das dunkelgraue Sakko könnte aus jener Phase seines Lebens stammen, ist aber mit dem Grad an Verschlissenheit, den es erreicht hat, längst vom bürgerlichen zum bohèmehaften Kleidungsstück mutiert. Der lila Schal hingegen, die Baskenmütze, der Rucksack, die ausgebeulte Jeans sind Errungenschaften der gegenwärtigen Existenz Richard Schuberts. Ebenfalls die Hosenträger: Ein nettes, aber eigentlich überflüssiges Accessoire – genau wie die Bilder, die er auf dem Kunstmarkt am Zeughaus verkauft. »Das braucht ja keiner«, sagen manche Passanten zu seinem Angebot. »Ja, richtig, ich mache nur Sachen, die man sowieso nicht braucht«, lautet seine Standardantwort.

Die Mischung aus Bürger und Bohème passt nach Kreuzberg. 1996 landete Schubert in der Blücherstraße. »Kein Klamottenzwang«, das sei einer der Vorzüge Kreuzbergs. Und das Prinzip »leben und leben lassen«. Schubert sitzt gern beim Italiener am Südstern in der Sonne. Zeit dazu hat er. Seine Arbeitswoche dauert meist nur zwei Tage. Sonnabends und sonntags steht er hinter seinem Verkaufsstand am Zeughaus.
Sein Geschäft floriert. Seine Bilder, Mousepads, Broschen und Postkarten sind mehr als nur herkömmliche Holographien. Sie sind die perfekte Raumillusion. Jahrelange Tüftelei steckt in der Technik, Schubert hält ein Patent darauf. Die Vorlagen zu seinen Bildern sind Stereophotos, die er mit einem selbst erfundenen Scanner aufnimmt. Eine geriffelte Plastikhaut verleiht seinen Bildern die beeindruckende Raumtiefe.

Ein anderes Erfolgsgeheimnis sind seine Motive. »Da betreibe ich Regression in die Kindheit. Das spricht die Leute an«. Kleine Gegenstände sind für sein Verfahren besonders geeignet: Muscheln, Steine, Früchte. Die Bilder sind so plastisch, dass die Kundschaft ständig in die scheinbar geöffnete Schachtel vor sich greifen möchte. Wenn Kunden dennoch den Preis von 20 Euro für ein Mousepad bemeckern, sagt Schubert: »Wenn Sie mir mit einem Kontoauszug nachweisen, dass Sie im Minus sind, kriegen Sie’s für 15.« Schubert findet für jeden die richtigen Worte. »Du musst dich an die Leute andocken, etwas in ihnen ansprechen. Als Verkäufer bist du ein Schauspieler.« Also

versucht er, die Touristen in ihrer Muttersprache anzusprechen. Schubert spricht viele Sprachen, er spricht Deutsch, Bayrisch, Englisch, Französisch, Spanisch. Ein paar Brocken Russisch lernte er schon aus den Physikbüchern, auch Italienisch und Hebräisch sind ihm nicht fremd. Wo die Worte nicht hinreichen, unterstreicht er sie mit bedeutungsvollen Gesten. Ein Verkäufer ist ein Schauspieler.

Schubert ist froh, seine Existenz bei Siemens aufgegeben zu haben. Als Selbständiger hat er alles in der Hand. »Hier kann ich meine Ideen selbst umsetzen, und keiner klaut sie mir.« Was bei Siemens durchaus schon einmal vorkam. Er hat es erlebt, wie ein Kollege ein von ihm beschriebenes Messverfahren als sein eigenes ausgab. So etwas kostet nicht nur Nerven. Es kostet Zeit. »30% deiner Zeit verbringst du ohnehin nur damit, deine Position in der Hierarchie zu sichern. Und dann musst du ständig aufpassen, dass dir die anderen nicht die ganze unangenehme Arbeit reindrücken.«
1991 hatte Schubert nach Promotion und einigen Jahren am Garchinger Max-Planck-Institut in der Messtechnik bei Siemens in München angefangen. 1996 wechselte er nach Berlin und arbeitete an der Entwicklung eines Geschwindigkeitssensors für Hochgeschwindigkeitszüge mit. Doch die ständige Abhängigkeit von Abteilungsleitern und die bürokratische Firmenstruktur waren nichts für ihn. Schubert sagt: »Das Arbeiten in Balkendiagrammen entspricht nicht meiner Persönlichkeitsstruktur.«
Aufgewachsen ist Schubert in einem bayrischen Dorf nicht weit von der tschechischen Grenze. In den Ferien musste er vom ersten Tag an auf dem Feld mitarbeiten. Keine schöne Erinnerung: »Die Hitze, das Bücken … heute wäre das nach UN-Charta als Kinderarbeit verboten.« Auch die »Zwangsgemeinschaft Dorf« war für Schubert nicht das richtige: »Da hat man für immer und ewig seinen Platz und sein Image weg.« Aber es gab auch Freiheiten, räumliche vor allem. Eine alte Scheune bauten die Brüder und Nachbarskinder zum Jugendtreff aus, mit 13 jagten sie auf ihren Mopeds über die eigenen Felder. Das störte niemanden, nur der Dorfpolizist lauerte ihnen auf und beschuldigte sie, beim Wenden aufs öffentliche Straßenland geraten zu sein.

Das technische Talent Schuberts zeigte sich schon damals. Ständig bastelte er an seinem Moped herum, setzte neue Zahnräder ein, wechselte die Zündkerzen, wenn es wieder mal nicht ansprang. Als der Vater den Kindern einige Grundkenntnisse der Elektronik vermittelte, bauten sie sich einen Schwarzsender, wenig später war »Radio Schubert« im ganzen Dorf zu hören. •
In Moskau Foto: Privatarchiv
Erfinden, Forschen, Entwickeln, das sind Schuberts Leidenschaften. Mit dieser Leidenschaft entwickelte er auch die Technik seiner 3D-Kunst. Zwar war den ersten Versuchen, seine Bilder am Mehringdamm zu verkaufen, kein großer Erfolg beschieden, doch dann trat Schubert immer öfter bei Workshops und Fotoausstellungen auf. Als nach einem seiner Vorträge die Zuhörer angelaufen kamen, um die Bilder zu kaufen, entschloss er sich, auf die Straße zu gehen. Schubert wurde zum Handlungsreisenden, tingelte durch die Welt, machte Station in Sevilla, Madrid, München, Dublin, Paris und Moskau. 2006 kehrte er zurück nach Berlin. Seitdem steht er am Zeughaus.
Schubert hat ein Faible für das Leben auf der Straße. Er genießt die Markt-Atmosphäre, die vielen Menschen. Wobei der Physiker diese Menschen gern in Kategorien einteilt. Da ist der Halbwisser – »Da müssen Sie andere Motive machen, wenn sie Kunst machen wollen« – ; der »Mallorcatyp«, der in »Deko-Kategorien« denkt; der Ingenieur, der gleich nach dem optimalen Lichteinfallswinkel sucht; der Werber »Geben Sie mir doch mal ihr Kärtchen« – ; der Arbeitslose, der ihm Tipps gibt, »wie Sie da rauskommen«; und viele andere mehr. Die ganzen Besserwisser nervten ihn irgendwann derart, dass er ein Schild aufhängte: »Bitte keine Vorschläge für neue Motive und Geschäftsmodelle.«
So bricht sich der Wissenschaftler im Künstler immer wieder Bahn. Zum Beispiel, wenn Schubert das kommunikative Geschehen an seinem Stand grafisch darzustellen versucht. Die Kurve zeigt den Zusammenhang zwischen der Gehsteigbreite und den Verkaufszahlen an. Ein enger Gehweg brächte die Passanten näher an den Stand und sei gut für den Verkauf. Schubert nennt diese Entdeckung das »Engstellenprinzip«.
Auch die Reaktionen fremdsprachlicher Kunden hat er mit wissenschaftlicher Empirie erfasst. Franzosen nähmen es als selbstverständlich, Spanier wiederum zeigten sich hocherfreut, wenn der Verkäufer ihre Sprache beherrsche. »Russen hingegen sind in der Öffentlichkeit sehr reserviert.« Und: »Je höher das Bildungsniveau, desto eher kommen die Leute als Käufer in Frage.« So hat Schubert für alles eine Erklärung. Auch für die Politiker, die seinen Bildern bislang nur wenig Beachtung schenkten. Als Roland Koch mit Frau und Bodyguards über den Markt bummelte, griff die Gattin wenigstens mal hin, während Roland den Bayern komplett ignorierte. Auch Christian Ströbele, der mit seinen Flyern die Bergmannstraße auf- und ablief, blieb nur einen kleinen Moment vor der Baustelle des Ärztehauses stehen, wo Schubert seine Bilder feilhielt. »Ich hätte gern, dass Sie etwas mehr für die Straßenhändler tun!«, sagte der Bayer. Schweigend überreichte Ströbele ihm seinen Flyer. Der Bayer weiß, warum: »Meine Arbeitshypothese ist, dass Politiker mehr mit Powerplay als mit optisch-ästhetischen Kategorien arbeiten.«

Auf jeden Fall fühlt sich der Bayer wohl am Zeughaus und in der Wohnung in der Blücherstraße. Hier sind Technik, Kunst, Geschäft und Kommunikation keine Gegensätze mehr. Zu Siemens wird Schubert wohl niemals zurückkehren. Erst kürzlich wieder wollte man ihn engagieren. Er schüttelte den Kopf, und unterstrich sein »Nein« mit bedeutungsvollen Gesten. •


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