Kreuzberger Chronik
Dez. 2009/Jan. 2010 - Ausgabe 113

Strassen, Häuser, Höfe

Yorckstraße 56b


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von Werner von Westhafen

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Eine Geschichte von Louis Grandjean, einer hundertjährigen Bahnhofswirtschaft und dem Wasser im Keller.



ALS DER Maler Hinze 1845 seine Staffelei zwischen den Feldern im Süden vor der Stadt aufstellte, durchkreuzte nur der Schienenstrang der Potsdamer-Bahn die menschenleere Landschaft. Auf einer hölzernen Brücke überquerten Reiter die Geleise, wenn sie auf dem »Colonnenweg« zum Exerzierplatz auf dem Tempelhofer Feld ritten. Dreißig Jahre später wurde sie abgerissen und durch eine 100 Meter lange, ebenfalls hölzerne Brücke ersetzt, denn nicht weit von der Anhalter Bahn verliefen nun auch die Geleise der Dresdner Bahn. Das zehnbögige Holzbauwerk überquerte beide Strecken in einem Schwung.
Wieder einige Jahre später und nur ein kleines Stück näher an der großen Stadt verzweigten sich die ehemals 19 Geleise unter der Kolonnenbrücke abermals, um bei der Überführung der letzten großen Verkehrsader vor dem Anhalter Bahnhof auf 45 Brücken die Straße mit ihren Pferdedroschken, Fahrradfahrern und Fußgängern zu überqueren.

Heute gehören die rostigen Yorckbrücken zu den letzten Zeugen des gigantischen Aufschwungs. Seit Jahren wartet die Deutsche Bahn vergeblich darauf, dass das denkmalgeschützte Bauwerk zusammenbricht, um profitable Baugrundstücke zu gewinnen. Derart vernachlässigt überzeugt die Gegend um den Bahnhof an der Yorckstraße vor allem durch Tristesse. Imbissbuden, ein Gebrauchtwagenhändler und eine Tankstelle liegen zwischen den Brücken, vom Regen aufgeweichte Werbeplakate versuchen verzweifelt, etwas Farbe ins Stadtbild zu zaubern. Der S-Bahnhof ist einer der hässlichsten von Berlin: Ein quadratischer, schmucklos verputzter Klotz mit Fenstern aus den Fünfzigerjahren.
Als der Bahnhof an der Yorckstraße im Mai 1903 eröffnet wurde, schmückten weiße Fenstergiebel das rote Backsteinwerk, gotische Zinnen und Türmchen gaben ihm ein stattliches Aussehen. Die Schalter für Fahrkarten und die Gepäckannahme in der Empfangshalle hatte Landbaumeister Karl Cornelius noch unter Arkaden legen lassen, doch nach dem Krieg wurden die Bögen achtlos wieder zugemauert. Nur die historischen Gadenfenster unter der Decke der hohen Empfangshalle hatte die Bombe verschont.
Wenige Meter entfernt aber steht bis heute ein unscheinbares, hübsches Gebäude. Es wurde ganz im Stil des benachbarten Bahnhofsgebäudes mit roten Klinkern und weißen Fugen errichtet, ein schmales, eher hohes als breites Haus mit spitzen Giebeln und Kirchenfenstern im 2. Stock. Wie ein Turm ragt es über die Bahnbrücken hinaus und erinnert an den alten Bahnhof.
Es war ein Mann mit klangvollem Namen, der das Haus im Jahre 1905 hatte bauen lassen, um im Erdgeschoss eine Bahnhofswirtschaft zu betreiben. Louis Grandjean hatte seine bescheidene Wohnstube unter dem Dach, und im ersten Stock befand sich die Küche, die durch einen Speiseaufzug mit dem Gastraum verbunden war. Sogar einen Keller hatte Grandjean anlegen lassen, um Speisen und Getränke kühl zu lagern.

Die Wirtschaft war keine kleine Destille, sondern ein klassisches Berliner Restaurant mit Tischen vor dem großen Schaufenster, Klavier und Buffet, weißen Decken und diskreten Toiletten für die Damen im ersten Stock. Doch Anfang der goldenen Zwanzigerjahre verkaufte der große Jean das Haus an einen gewissen Schulz oder Schulze, der ein Jahrzehnt lang unter den Brücken Schulzes Bahnhofswirtschaft betrieb. Dann wechselte das Lokal abermals den Besitzer, und da die meisten Gäste Reisende aus dem Umland waren, die von der Vorortbahn in die »Elektrische« mit der Nummer 59 umstiegen, die von Schöneberg nach Charlottenburg fuhr, nannte er das Lokal schlicht Zum Umsteiger. Und so heißt es noch bis heute.
In den Siebzigerjahren endlich kaufte »Kalle« das Haus, das inzwischen auf einem Grundstück der Reichsbahn lag, und dessen dem Bahnhof zugewandte Hauswand die Grenze zu Kreuzberg markierte. Und das niedrige Häuschen, das verborgen hinter Bäumen und Sträuchern schon auf der Böschung des Bahndamms liegt und nur durch eine steile Treppe zu erreichen ist, und das einst einem Weinhändler gehörte, der von hier aus die Berliner Kneipen versorgte, kaufte Kalle gleich mit.

Nur vom Bahnsteig aus kann man es sehen, das aus dem Schornstein rauchende Haus mit den gelb gestrichenen Fensterläden, den akkurat gestapelten Holzscheiten im Hof, dem Garten mit den Obstbäumen und dem Gemüse und der Schaukel für die Kinder. Das Haus könnte in den brandenburgischen Feldern liegen, nur die Skulptur des Bären auf der künstlichen Insel in der Mitte des kleinen Sees vor dem Garten verrät, dass die Idylle zu Berlin gehört. Gespeist wird der kleine See nicht von einem unterirdischen Abzweig der Spree oder dem Wasserfall vom Kreuzberg, sondern von einer Pumpe, die seit einigen Jahren im Keller des Umsteigers pumpt und pumpt. Woher das viele Wasser kommt, weiß niemand so genau. Sicher ist nur, dass der Keller zu Grandjeans Zeiten noch trocken war. Erst mit dem Bau der Hochhäuser am Potsdamer Platz begann das Wasser im Keller zu steigen.
Der Deutschen Bahn AG kommt das Wasser sicherlich recht, es könnte das Verrosten der Brücken beschleunigen. Auch Kalle stört das Wasser nicht. Womit sollte er sonst seinen Ententeich füllen. Und der Wirt vom Umsteiger, der hat schon lange ein Faible für Außergewöhnliches. Sonst hätte er das kleine Häuschen wohl auch nie entdeckt. •

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