Kreuzberger Chronik
Dez. 2009/Jan. 2010 - Ausgabe 113

Geschichten & Geschichte

Wie Kreuzberg zu seinem Namen kam


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von Martin Düspohl

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Der Kreuzberg gehört zu den Tempelhofer Bergen und hieß vorher Sandberg, Runder Weinberg, Tempelhofer Berg oder Götzscher Weinberg



KURFÜRST JOACHIM I. gab im Jahr 1533 den Befehl, Weinberge »gemeiner Stadt zum Besten« anzulegen. Fast 200 Jahre lang standen daraufhin an den Hängen der Tempelhofer Berge Rebstöcke. Ein Versuch, am Bergrücken eine Maulbeerbaum-Plantage für die Seidenraupen-Zucht anzulegen, scheiterte am rauen Berliner Klima. Im kalten Winter von 1739/40 wurde auch dem Weinanbau ein abruptes Ende gesetzt: Alle Rebstöcke erfroren. Danach nutzte man die Gegend um den heutigen Kreuzberg vorwiegend für den gemeinen Ackerbau.

Die Höhenlage der Tempelhofer Berge spielte jedoch stets auch eine strategische Rolle. 1525 floh Kurfürst Joachim I. mit seinem Gefolge auf den Hügel aus Angst vor einer angeblich bevorstehenden Sintflut, schwedische Truppen postierten im Dreißigjährigen Krieg Kanonen auf dem Berg und bedrohten Berlin, russische Truppen beschossen 1760 von hier aus die Stadt. Während der Befreiungskriege gegen Napoleon ließ Friedrich Wilhelm III. auf den Tempelhofer Bergen Befestigungsanlagen, so genannte »Lärmkanonenschanzen«, errichten, die nie zum Einsatz kamen: 1813 wurden die Franzosen schon einige Kilometer südlich der Großstadt von den Preußen aufgehalten. Und die Berliner hatten nichts Besseres zu tun, als Ausflüge zum heutigen Kreuzberg zu unternehmen, von dem aus sich eine gute Aussicht bis hin zu den Rauchfahnen des Schlachtfeldes bot.

1817/18, zwei Jahre nach Napoleons finaler Niederlage von Waterloo, erhielt der Architekt Karl Friedrich Schinkel den Auftrag, ein Monument zur Erinnerung an die Siege über Napoleon zu errichten. Als Standort für das Denkmal wurde der »ehemalige Weinberge von Götze« gewählt. Nach Bewilligung der Bausumme begannen im Sommer 1819 die Bauarbeiten auf der Kuppe des Berges. Zuvor wurden Teile des Landes privaten Besitzern abgekauft und für den Bau geebnet. Auf der Spitze des Denkmals ist das von Karl Friedrich Schinkel entworfene »Eiserne Kreuz« zu sehen, in der Form der am 10. März 1813 vom König gestifteten Auszeichnung, die bis 1939 für besondere militärische Leistungen verliehen wird. Diesem Kreuz verdankt der Götzsche Weinberg seinen neuen Namen, den er seit der feierlichen Enthüllung des Denkmals am 30. März 1821 trägt. Sogar der russische Kaiser war erschienen, es gab eine Truppenschau mit Geschützsalven und ein »Einweihungsgebet« des Bischofs Rulemann Friedrich Eylert. Die Berlinischen Nachrichten bezeichneten in ihrer Ausgabe am folgenden Tag »das Kriegs-Denkmal auf dem Tempelhofer Berge bei Berlin« als »das Mutter-Denkmal aller der einzelnen« Denkmäler auf den Schlachtfeldern von 1813 bis 1815.









Historische Postkarte, um 1900, Edition Kreuzberger Ansichten, Dieter Kramer Verlag






Das Schinkelsche Bauwerk machte den sandigen Kreuzberg zu einer Sehenswürdigkeit, die täglich viele Menschen anzog. Ursprünglich hatte der Architekt einen gotischen Dom geplant, aus Geldgründen wurde aber quasi nur die Domspitze verwirklicht. Zwölf Statuen, so genannte Siegesgenien, zieren das Denkmal. Jede von ihnen steht für eine im Befreiungskrieg geführte Schlacht.

Schon bald versuchten clevere Geschäftsleute aus dem neuen Ausflugsziel Kapital zu schlagen. Den Anfang machten die Gebrüder Gericke, die 1825 am Kreuzberg ein »Tivoli« errichteten. Durch den Bau des Vergnügungsparks hatte sich jedoch die Wahrnehmung und Wirkung des Denkmals entscheidend verändert, und die Stadtväter befürchteten, dass die Anmutung des Denkmals schon bald durch weitere Bebauung des Berges verloren gehen könnte. Auch aufgrund des Baumbewuchses war das 19 Meter hohe Denkmal bald kaum noch zu sehen. Deshalb stellte man es 1878 auf einen acht Meter hohen Sockel, so dass es seitdem in einer Höhe von 74 Metern steht.

Bereits Karl Friedrich Schinkel wollte dem Nationaldenkmal eine würdigere Umgebung hinzufügen, doch erst 70 Jahre später wurde dieses Vorhaben in die Tat umgesetzt: Von 1888 bis 1894 wurde der sandige Hügel nach Plänen des Stadtgartendirektors Hermann Mächtig als Parkanlage mit gebirgsähnlichem Charakter gestaltet. So entstand – nach dem Tiergarten, dem Volkspark Friedrichshain und dem Humboldthain – der vierte große Berliner Volkspark des 19. Jahrhunderts – der Viktoriapark, benannt zu Ehren der Königin Victoria.

Große Teile der Anlage sind als Landschaftspark mit weiten Wiesenflächen und rahmenden Bäumen und Sträuchern konzipiert. Bestimmende Parkelemente waren und sind neben dem Nationaldenkmal ein aufgrund des steilen Geländes engmaschiges Wegenetz, die felsige Wolfsschlucht mit Quellen und kleinen Wasserfällen sowie der große Wasserfall, der 24 Meter tief in Richtung Großbeerenstraße fließt. Zwischen 1913 und 1916 erweiterte Albert Brodersen den Park nach Westen im Stil eines englischen Gartens. Zwischen dem Denkmal und der Katzbachstraße wurde eine Mittelgebirgslandschaft mit Bäumen und Felsen gestaltet.

Als am 10. April 1920 die Geburtsstunde Groß-Berlins schlug und die Metropole in 20 Verwaltungsbezirke unterteilt wurde, nannte man den Bezirk um das Nationaldenkmal auf dem Kreuzberg zunächst noch »Hallesches Tor«. Erst ein Jahr später, anlässlich der Hundertjahrfeier des Nationaldenkmals, erhielt auch das Viertel um den alten Weinberg jenen Namen, der heute Legende ist: »Kreuzberg«. •

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