Kreuzberger Chronik
Dez. 2009/Jan. 2010 - Ausgabe 113

Die Geschäfte

Einfach Herrlich


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von Ina Winkler

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Das Männergeschenkgeschäft in der Bergmannstraße.

JEDE FRAU wird hier fündig. Auch jene, die den Mann ihres Lebens gerade erst gestern, einen Tag vor dem Heiligen Abend, kennen gelernt hat, und die noch nicht einmal weiß, ob der Mann ihres Lebens derbe oder einschmeichelnde Düfte mag, ob er auf kariert oder gestreift steht, ob er lieber liest oder lieber ins Kino geht… – auch diese noch selig Unwissende wird im Männergeschenkgeschäft Herrlich ein weihnachtliches Präsent für ihren Liebsten finden.

Noch auf der Straße und vor dem Schaufenster atmet die Frau erleichtert auf: Zuerst fällt ihr Blick auf das hölzerne Schachspiel, dann auf die Schlüsselanhänger mit den Matchboxautos, die schwarze Männerschokolade, die grauen Schals und das Buch über Europas Seekrieg. Ganz warm ums Herz wird ihr beim Anblick der dicken Filzpantoffeln. Genau solche hatte ihr Großvater auch gehabt! Schon ist sie mit einem Fuß im Laden. Da fällt ihr die Szene aus dem Film mit Cary Grant ein, seine säuerliche Mine, als ihm die Blonde ein paar Topflappen schenkt. Die Frau beschließt, in zwanzig Jahren auf die Pantoffeln zurückzukommen.
Auch die Kochabteilung will sie links liegen lassen. Kochen ist unmännlich, genau wie die Pantoffeln. Aber dann sieht sie die Kochbücher mit all den männlichen Kochikonen, und das ansehnliche Küchenmessersortiment mit seinen bis zu 30 Zentimeter langen, geradezu martialischen Edelstahlklingen, die eher den Indianerhäuptling als den Biolek im Manne ansprechen müssten. Das Sortiment an Küchenkräutern – »Spirit Of Spice« – könnte einen Medizinmann glücklich machen, und die Mörser könnten vom Stamme der Massai sein. Ihr Blick fällt auf die hölzernen Marterpfähle, die gleich neben den Kräutern stehen. Erst beim zweiten Blick erkennt die Dame, dass es sich bei den phallusartigen Schnitzereien nicht um Indianerspielzeug, sondern um gigantische Pfeffermühlen handelt – mit Abstand die längsten, die sie je zu Gesicht bekommen hat. Irritiert wendet sie sich ab.

Da fällt ihr ein Buch in die Hände: »Liebe, so geht das – Das ultimative Anleitungsbuch.« Sie lächelt, aber auch das erschiene ihr wie ein Wink mit dem Zaunpfahl. Ebenso wie der Titel »Mann wird Vater«. Dann endlich kommt sie zu den Taschenmessern, Klappmessern, Pilzmessern, einem wahren, unverfänglichen Männereldorado. Sie steht vor Spielzeugautos, Büchern über Oldtimer, einer Bierdeckelsammlung, silbernen Flachmännern, Kartenspielen mit Barbusigen, Uhren, Modellflugzeugen und all dem anderen Kitsch, der Männerherzen höher schlagen lässt. Glücklich fährt der rot lackierte Fingernagel über den glänzenden Lack eines kleinen, hellblauen VW-Käfers. Dieses Geschäft ist einfach herrlich. Es offenbart des Mannes ganze Herrlichkeit.
Doch nicht nur Damen finden hier etwas für ihren Herrn. Auch Herren werden fündig, vor allem hinten, im »Saunabereich« mit den Badelatschen, den weichen Handtüchern, den Duftwässerchen und die Cremedöschen. Sogar verschiedenfarbige und verschiedenduftige Kerzen sind im Regal, um auch die »gemütliche Seite des Mannes« zu bedienen. Daneben duften die Seifen von Savon Du Midi, mit denen vor zwanzig Jahren alle Herrlichkeit begann. Da nämlich war der Herr Becker in Frankreich unterwegs und überlegte, ob diese wundervollen Naturseifen nicht auch etwas für die deutsche Nasen wären. Jetzt verführen ihre Düfte die Männer im angedeuteten Separee des Männergeschäftes, gleich neben den kleinen Türschildchen, die man vor die Männersauna hängt, wenn man unter sich sein möchte: »Ab hier Doofsein verboten« oder »Bitte verlass mich so, wie Du mich wiederzufinden wünschst.«

Foto: Dieter Peters
»Oft sind es nur Studenten«, die etwas für ihre Freunde zum Geburtstag kaufen, lächelt die Ladenhüterin. Oder Sportsfreunde, die dem Hertha-Fan Frotteebadelatschen in Blau-Weiß schenken. Oder Kneipenfreunde, die einem Trinkgenossen das Busen-Memory überreichen wollen. »Das wollte ich anfangs gar nicht ins Sortiment nehmen«, lächelt die Geschäftsherrin. Sie fand, die Brüste sähen aus wie in den billigen 70er-Jahre-Pornos. Doch der Vertreter ließ nicht locker, bis sie vier Spiele bestellte. »Heute bestelle ich jedes Mal gleich vierzig«. Natürlich fehlt es im Reich der Männer auch sonst nicht an Anzüglichkeiten. Auf Kartenspielen, in Büchern, auf Feuerzeugen und Kugelschreibern: überall stößt der Besucher auf Huldigungen der Weiblichkeit. Was der Dame durchaus zu schmeicheln scheint.
Doch sind es nicht nur die Damen und die Herren, die auf der Suche nach Geschenken das Männerkultgeschäft betreten. Es kommen auch jene, die sich selbst die Liebsten sind, und die sich selbst gern mal beschenken. Sie kommen, wenn sie ihr Opinel verloren haben, oder wenn ihnen die Rasierseife ausgegangen ist. Wenn sie einen Schal brauchen, oder Norwegersocken gegen den November. Oder wenn sie für ihr neues Wohnzimmerregal dringend noch das große Modellsegelschiff brauchen. Schmuckstücke sind das, diese hölzernen, penibel kalfaterten, wunderbar lackierten und sorgfältig aufgetakelten Spielzeuge für das Kind im Mann. Da stehen sie dann und seufzen leise: Was für ein wunderbarer Laden! Hier ist der Mann noch Mann, hier darf er's sein!

Auf dem Wege zum Manne führt also kein Weg an Herrlich vorbei. Vor Weihnachten sind hier alle richtig: die Männer, die etwas für ihre Männer suchen; die Männer, die sich selbst am liebsten sind; und die Frauen, die nicht wissen, was sie dem Neuen schenken sollen. Sogar jene Frauen, denen nichts mehr einfällt – nach dreißig Jahren Ehe neben einem so herrlichen Mann. •


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