Kreuzberger Chronik
Dez. 2009/Jan. 2010 - Ausgabe 113

Reportagen, Gespräche, Interviews

Stille Nacht in Kreuzberg


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von Erwin Tichatschek

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Nicht alle Kreuzberger sitzen am Heiligen Abend untermWeihnachtsbaum. Einige treffen sich im »Yorckschlösschen«, um mit Posaunen und Trompeten Weihnachtslieder anzustimmen.


BERLIN IST kein Reiseziel für deutsche Weihnachtsurlauber. Weihnachten fahren die Deutschen zum Schwimmen auf die Kanaren, zum Shoppen nach New York oder zum Essen zu den Verwandten nach Ingelheim. Nach Berlin fahren sie zu Silvester. Der Partys wegen. Dabei gibt es zum Jahresende überall Partys, sogar in Griesheim oder in Ingelheim am Rhein.
Zu Weihnachten dagegen sind die Nächte dunkel und still in Ingelheim und Mannheim am Rhein. In Kreuzberg nicht. Da brennt auch dann noch Licht. Und während in Bielefeld oder Aschaffenburg die Kneipenwirte allein hinter dem Tresen hängen und sich mit dem Korn in der Hand im Fernseher die Wiener Sängerknaben ansehen, haben einige Berliner Wirte alle Hände voll zu tun.

Einer von ihnen ist Olaf Dähmlow vom Yorckschlösschen. Er weiß, dass die vier Gäste vor den Gänsekeulen mit Rotkraut nur der Anfang sind. Dass diese trügerische Stille am Heiligen Abend um Sieben nur die Ruhe vor dem Sturm ist. Dass Ernie Schmiedel, der Mann, der noch einsam am Klavier sitzt, bald Gesellschaft bekommen wird. Dass sie irgendwann einer nach dem anderen durch die quietschende Tür treten werden, all diese Männer mit ihren Posaunen, Klarinetten, Saxophonen, mit ihren Gitarren, Bässen, Kontrabässen, ihren verrauchten Stimmen und ihren blechernen Mundharmonikas. All diese Leute aus New York, Memphis, San Francisco, dem Senegal, El Paso, Middleburg, New Jersey… Berlin.
Der Wirt weiß nie genau, wer kommt an diesem Abend. Manchmal schauen kleine Jazzlegenden vorbei. Legenden wie Rudy Stevenson, der vor genau 50 Jahren mit der Lloyd Price Band und »Stack O'Lee« eine Nummer Eins in den amerikanischen Charts hatte. Oder Bobby Durham vom Oscar Peterson Trio. Aber das Schlösschen braucht diese Legenden gar nicht. Es kommt auch ohne sie aus. Stars wie Duke Ellington und James Brown, mit denen der Maler Gerhard Tenzer die vom Alter spekkig gewordenen Wände des Jazzlokals ausgestattet hat, sind dem jungen Publikum ohnehin nur noch vage Begriffe. Auch die Fotografien der Auftritte von Coco Schumann oder Louisiana Red beachtet kaum jemand. Ebenso wenig wie das Banjo in dem Schaukasten an der Wand, das ohnehin nicht das erste Banjo der Banjo Boys aus dem Jahre 1956 ist, wie es das museale Täfelchen verkündet. »In sämtlichen Rock-Cafes hängt irgendwo die erste Gitarre von Hendrix, und da hab ich mir gedacht, was die können, das kann ich auch«. Sagt der Wirt.

Das Schlösschen ist schließlich kein Museum. Obwohl manchmal Leute hereinkommen, »die zwanzig Jahre nicht da waren, und die dann sagen: Mensch, das schaut ja alles noch genau so aus wie damals. Es sitzen sogar noch die gleichen Leute da wie damals!« Und es stimmt, das Schlösschen ist immer geblieben, was es war: eine Mischung aus Wohnzimmer, Kneipe und Jazzlokal. Aus Mittagstisch, Stammtisch und Bühne. Aus derben Witzen, deutscher Küche und Raucherecke. Doch ein Museum ist es nicht. Es hat sich halt gut gehalten. Es hat überlebt. Mehr nicht.

Foto: Yorckschlösschen
Einer, der schon zum Inventar gehört, ist Ernie Schmiedel. Seit zwanzig Jahren, an jedem 24. Dezember, sitzt er am Klavier. Wirt und Pianist brauchen nichts mehr zu verabreden, Schmiedel kommt. Und Schmiedel ist ein Genie. Er kann mit allen und er kann alles, Rock, Blues, Jazz, Klassik. Aber er lächelt noch heute so schüchtern über den Applaus, als wäre es sein erster Auftritt. Und er freut sich noch immer über jeden, der zu ihm auf die Bühne steigt. Am Heiligen Abend sogar über Tony Hurdle. »Die beiden können sich nicht riechen«, erzählt der Wirt. »Wenn die mal irgendwo zusammen auf der Bühne stehen müssen, dann steht der eine ganz rechts und der andere ganz links. Aber am 24. stehen sie nebeneinander, ein Herz und eine Seele.« Zwei Worte reichen, ein Blick, drei Töne, und man ist sich einig: »Jingle Bells«. Oder »My baby just cares for me«. Oder dieses Lied von der berühmten »Mrs. Jones«.
Inzwischen sind sie zu sechst auf der kleinen Bühne mit dem hölzernen Geländer. Die Stille Nacht ist schon etwas lauter geworden. Gänsekeulen und Rotkraut sind verschwunden. Kerzen, Spekulatius und Kaffee stehen auf den Tischen, Wein, Bier und Korn. Die ersten Familienväter sind unter den häuslichen Weihnachtsbäumen hervor gekrochen. Wolfgang Rügner hat seine Posaune ausgepackt. Sein weihnachtlicher Auftritt ist Tradition. Der Rest ist Improvisation. Alles ist möglich: Gitarristen, die auf den Tresen springen, Frauen, die auf Tischen tanzen, Chöre von Gästen auf den Stühlen, die Weihnachtslieder trällern wie in der Kirche. »Einmal sangen hier dreißig Leute Stille Nacht!« Da war selbst der Wirt »richtig gerührt.« Nach einem halben Leben Kneipe!

Als Dähmlow im Schlösschen als Putzkraft begann, hieß der Wirt noch Jürgen Grage. Grage ist eine Legende! Es gibt keinen Berliner Kneipier, der Grages alte Kneipen nicht kennt: Die Meisengeige, den Dschungel und den Leierkasten, in dem sich Anfang der Siebziger die Malerpoeten formierten. Gerlinde und Jürgen Grage waren es auch, die in ihrer riesigen Wohnung einen Weihnachtsbaum aufstellten und bunte Teller für all die heimatlosen Künstler herrichteten, die nachts durch die Kneipen vagabundierten. Als die Grages ihre Wohnung mit dem großen Wohnzimmer aufgaben, hat Dähmlow die Feier ins Schlösschen • verlegt. »Aber das ist nun auch schon wieder über zwanzig Jahre her!«
Foto: Michael Hughes
Jetzt ist Dähmlow der Wirt, und Jürgen Grage einer der Gäste. Kat Baloun ist gekommen mit ihren Freundinnen und ihrer Mundharmonika. Wieder wird fast unmerklich ein Weihnachtslied angestimmt, fremd klingt es, wie Jazz klingt es, ganz anders als in den Wohnzimmern mit ihren Radiosymphonieorchestern und ihren Sängerknaben. Niemand kennt das Programm, keiner weiß, was als nächstes kommt. Einer nach dem anderen steigen sie auf die Bühne. Zwei Blicke, zwei Worte reichen, und es ist klar: »Rudolf Rednose«. Oder »Satisfaction«. Oder »All along the watchtower«.
Vor ein paar Jahren kam Bobby Durham, um seinen Freund Stevenson zu besuchen. Da spielten sie auf der winzigen Bühne vor sechzig Leuten, saßen auf dem ausgeleierten Sofa und erzählten. »Das war das schönste Weihnachtsfest, das ich je erlebt habe!«, sagte Durham.

Es ist elf, und es ist schon warm geworden in der Kneipe am Eck. Die kleinen Scheiben sind beschlagen wie auf der Almhütte, die Frauen haben auch ihre Strickjacken abgelegt und tanzen in blauen Jeans und in roten Kleidern, oder sie schwenken in bunten afrikanischen Gewändern die gebärfreudigen Hüften. Der Kleiderständer in der Ecke sieht aus wie eine gestopfte Weihnachtsgans.
Gerhard Tenzer, der Maler der Jazzikonen, geständiger Hamburger mit Schlapphut und Stimme von Udo Lindenberg, steht auf der Bühne. Er hält ein Mikrophon in der Hand, die Fingerspitzen trommeln wie Sticks auf die aufgeblähten Backen. Alles an diesem Mann ist Musik, und wenn Tenzer sich nach dem kleinen Percussionsolo vor dem Publikum verneigt und lässig von der Bühne tänzelt, ahnt man, dass es kein Zufall war, dass er einst bei der White Eagle Band hinter dem Schlagzeug saß. Der einzigen deutschen Jazzband, die es je auf die Bühne des berühmten Jazz & Heritage Festival in New Orleans geschafft hat.

Mitternacht. Es ist voll geworden im Schloss. Auch diese Kreuzberger Nacht scheint eine lange Nacht zu werden. Durch die kleinen Fenster fällt das gelbliche Licht des Schlösschens auf das nasse Straßenpflaster. Es ist eine Nacht mit 2 Grad Plus und Nieselregen, eine Nacht irgendwo am 52. Breitengrad. Doch nur wenige Schritte weiter, hinter dem dicken Vorhang an der Tür, da liegt der Mississippi mit seinen warmen Sümpfen und seiner Musik. Und wenn in anderen Städten die Kerzen der Tannenbäume längst heruntergebrannt sind, dann scheint hier noch immer Licht, dann sitzt hier noch lange die große schwarze Patchworkfamily des Jazz, und dann ist diese Nacht noch lange keine stille Nacht. •

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