Kreuzberger Chronik
April 2009 - Ausgabe 106

Kreuzberger
Tobias Schwartz

Diszipliniert, konzentriert, aber frei


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von Saskia Vogel

Titelfoto: Dieter Peters

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IM DUNKLEN Schankraum der Destille sitzt Tobias Schwartz und notiert Stichworte. Er ist ein Mann der Künste, das dunkle Haar hat er brav gescheitelt, die Schuhe glänzen, er schreibt mit Füllfederhalter auf die teuren Blätter eines Moleskine-Notizbuches. »Grenze zwischen Fiktion und Realität verschoben. Der Wahnsinn, die Erfahrung eines jeden….« Die Stimme, ein Seufzer. Über dem Tisch das schummrige Licht. Alles ist Idylle.

Plötzlich tritt ein kleiner Herr an den Tisch. »Darf ich mich vorstellen: Egon Elend«. Der Mann möchte einen Schnaps ausgeben und dann am besten gleich noch einen. »Sie sind auch so´n Schreiberling, was?« Leicht irritiert legt Tobias Schwartz den Stift beiseite. »Ich mache mir Notizen für meinen neuen Roman«. Der Mann ist Egon Elend, der ehemalige Friedhofsgärtner vom Friedrichwerderschen Kirchhof an der Bergmannstraße. Fast vierzig Jahre lang hat er auf dem »beseelten Acker« für Ruhe und Ordnung gesorgt, und sein stattlicher Berliner Schnauzer zog schon 1998 auf der Titelseite der Kreuzberger Chronik die Aufmerksamkeit aller auf sich. Es sind Momente wie diese, Begegnungen mit ausgefallenen Charakteren, die Tobias Schwartz sucht. Deshalb kommt er her. »Die Destille ist eine Kneipe mit Seele. Ein Kabinett voller Improvisationen und Kuriositäten.«

Tobias Schwartz liebt den dunklen Schankraum, in dem süße Lebkuchenherzen hängen und Bauarbeiter deftige Knackwürste essen. Eine einfache Kneipe am Mehringdamm, seit über 130 Jahren immer an der gleichen Stelle. »Die Destille ist unprätentiös, hier gibt es Studenten, Arbeiter, Intellektuelle, Friedhofsgärtner – einfach alle sind hier.« Sie kommen rein, sagen »Tach auch«, nuckeln wortlos an ihren Pullen oder verstricken sich in stundenlange Diskussionen. Einige prunkvolle Leuchter versuchen, etwas Licht auf die Szene und die Regale zu werfen, in denen bauchige Flaschen viel zu süßer Liköre und ein paar schlanke Weinflaschen lagern. Von September bis April läuft die Heizung auf Hochtouren, ein Schäferhund döst in der Ecke, daneben hockt eine Dame vor ihrer Zigarettenschachtel. Tobias Schwartz selbst ist ein Nichtrauchertyp. Allerdings kein übellauniger.

»Heute morgen lief die neue Single von Morrissey im Radio, das hat mir den Tag gerettet.« Anders als die schreibende Zunft der Journalisten lamentiert der Schriftsteller nicht über die ungesicherte ökonomische Basis, auf der sich die Freischaffenden von einem Projekt zum anderen hangeln müssen. »Für mich kann die Freiheit als Autor nicht groß genug sein. Mein Traumziel ist die absolute Unabhängigkeit.«

Tobias Schwartz beherrscht die Kunst der gepflegten Konversation. Über Geld redet er nicht. Nur soviel sei gesagt: Auch er muss für seinen Lebensunterhalt hart arbeiten. »Schreiben, jeden Tag.« Das Resultat sind drei Theaterstücke, die nicht nur geschrieben, sondern auch aufgeführt wurden. Und den Gedanken an seine Dissertation hat er auch noch nicht endgültig verworfen. Außerdem besucht er wöchentlich die Theaterpremieren, rezensiert für zitty und taz. Und zu guter Letzt schreibt er gerade an einem Essay über Montaigne.



Foto: Dieter Peters
Natürlich liebt der Autor das Berliner Eldorado der Freischaffenden und Künstler. Aber als überzeugter Kosmopolit kann er dem Kreuzberger Kiez auch ohne Sentimentalität den Rücken kehren. Er ist eben ein Bohemien. Einer, der die Kaffeehauskultur liebt, Lesen, Schreiben und Reisen will. Seine Lebensgefährtin lebt in New York, aber auch in Paris und Amsterdam sieht man Schwartz flanieren. Arbeiten jedoch möchte er lieber in Kreuzberg. Am besten mitten drin, im Zentrum, in der Destille. Da hat er quasi ein ganzes Stück geschrieben.

Eines Abends nämlich, als er mit dem Autor Jan-Peter Bremer in seiner Stammkneipe saß, küsste ihn die Muse. Er rief: »In der Kneipe findet sich alles, was man fürs Theater braucht! Die Kneipe ist die Mitte der Welt. Die Kneipe ist die Welt als Konzentrat!«, und begann quasi im selben Augenblick mit der Arbeit, hämmerte mit Wucht in die Tastatur, konzipierte Figuren, darunter auch sein Alter Ego: Gregor, »Dramatiker, um die Dreißig«, und natürlich der Protagonist des Stückes. Theoretisch basiert das Werk auf dem »Welttheater« des Dichters Calderón. Unter der Regie der Frau Welt agieren die einzelnen Rollenträger, bis der Tod sie von der Bühne abruft. Theater ist dramatisch. Der Tod ist immer dabei.

»Aber es war doch eigenartig, dass es so viel Thekenlyrik und Romane über Kneipen gibt, aber nur selten ein Autor das Innenleben eines Trinklokals auf die Bühne bringt«, sagt Schwartz. Also setzte der diplomierte Philosoph sich auf einen Barhocker in die Destille. Ausgerüstet mit einem spitzen Bleistift zwischen den Fingern und geschärftem Blick für die Kuriositäten des Alltags lag er auf der Lauer, und einige der Gestalten, die an der langen Holztheke vorbeimarschierten, wanderten als Figuren direkt in sein Stück hinein. Der Wirt und die betrunkene Tunte, der Alkoholiker und nicht zuletzt Gregor selbst, der von sich sagt: »Manchmal trinke ich nur, damit keiner merkt, dass ich nicht trinke.« Und wäre Egon Elend etwas früher gekommen, dann hätte auch er seine kleine Rolle in dem Destillen Drama gespielt.

Eines Tages war das Stück über die Mitte der Welt fertig. Die Premiere fand vor der Originalkulisse, in der Destille, statt. Es gab eine Saalrunde Bier und viel Applaus. Nicht nur wegen des Bieres. Schwartz ist ein intelligentes Werk gelungen. Der Wirt hatte eigens eine silberne Diskokugel über dem Zapfhahn aufgehängt, so wie Tobias Schwartz es für die Kulisse seines Stückes vorgesehen hatte. Die Stammgäste waren Zuschauer und Statisten zugleich, als prominente Starbesetzung spielte Jan-Peter Bremer sich selbst.

Nur einer, den Schwartz besonders gerne gesehen hätte, kam nicht: Gottfried Benn. »Der hatte Anfang des 20. Jahrhunderts seine Praxis an der Ecke zur Yorckstraße. Wahrscheinlich hat er in der Destille den einen oder anderen Schnaps gehoben.« Benn als Gast in der Destille, dieser Gedanke fasziniert den Autor, der überhaupt gern in literarischen Verklärungen schwelgt. Nicht nur sein Essay über Montaigne, auch sein Stückchen über die Weltmitte huldigt der Nostalgie, verehrt die Avantgardisten des 20. Jahrhunderts, die Gefühl, Affekt und Pathos noch als Stilmittel zu schätzen wussten.

Doch es ist nicht nur der literarische Benn, den Schwartz verehrt. Es ist auch der Nervenarzt Dr. Benn. Schließlich hat auch der schreibende Kneipengast seine Erfahrungen mit der Psychiatrie gemacht: Während seines Studiums nahm er eine Stelle als Nachtwächter in einer Klinik an und las bis in den frühen Morgen Foucaults Wahnsinn und Gesellschaft. Dann setzte er sich an seinen Computer und schrieb seinen ersten Roman. »Der bisherige Höhepunkt meiner bescheidenen Karriere«, sagt Schwartz: Film B, erschienen vor zwei Jahren. Der Roman hat einen derart rasanten Sprachrhythmus, dass Armin Petras, Intendant des Gorki-Theaters, dem Leser im Vorwort rät: »Diesen Roman sollte man in der U-Bahn lesen.« Er harmoniert mit der Percussion der Schienenstränge.

Einige Szenen des Textes erzählen vom Leben in der psychiatrischen Anstalt. Es geht um die Ich-Dissoziation eines krisengebeutelten Individuums. Es geht um Affektausbruch und Orientierungslosigkeit. Der Pfleger Stefan wird allmählich selbst verrückt, während eine durchgeknallte Musikerin – die notwendige sexuelle Ergänzung des Schwartz´ schen Alter Egos – in einer schäbigen Ofenheizungswohnung im Osten Berlins lebt und nächtens durch die Großstadt rast. »Mit einem Schwung bin ich im Taxi. Ich habe mich schon öfter in Nylonstrümpfen und im kurzen schwarzen Kleid mit Spaghettiträgern verabredet und jemanden getroffen. Fahren sie erstmal nach Kreuzberg, ich sage dann genau, wohin es geht. Wir fahren und zum Glück quatscht der Fahrer nicht. My heart starts missing a beat!«

So sind die literarischen Figuren des Tobias Schwartz: alle ein bisschen durchgeknallt. Der Autor selbst scheint das Gegenteil von ihnen zu sein: unauffällig, das Haar brav gekämmt, die Schuhe schön geputzt. Egon Elend will immer noch seinen Schnaps ausgeben. Tobias Schwartz leitet den Rückzug ein. Er tut dies direkt, aber sehr höflich. »Nein, herzlichen Dank, aber ich möchte keinen Schnaps.« So ist er, dieser Tobias Schwartz, ein sehr höflicher, sehr sympathischer Kerl. Aber jetzt muss er erst mal zurück an den Schreibtisch. Er möchte seinen zweiten Roman nämlich noch in diesem Jahr veröffentlichen. Dafür wird er noch arbeiten müssen. Diszipliniert. Konzentriert. Aber frei. •

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