Kreuzberger Chronik
November 2007 - Ausgabe 92

Die Reportage

Sightseeing gegen Vorurteile


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von Waltraud Schwab

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Mit Leuten, die Angst vor Kreuzberg haben, hat Nadja Sponholz Erfahrung. »Was wißt ihr vom Bezirk?«, fragt sie eine Gruppe Schüler und Schülerinnen aus Eberswalde. »In Kreuzberg ist es gefährlich«, wagt sich eine Schülerin, der ein Teddybärchen vom Rucksack baumelt, vor. »Weil da viele Ausländer und Türken wohnen«, ergänzt ein hochgewachsener 15Jähriger mit kurzem Haar. Nadja kennt solche Antworten.

Vor sechs Jahren begann die heute 28Jährige zusammen mit drei Freundinnen und unterstützt vom Kreuzberg Museum ein Experiment: »Wir zeigen Schulklassen von außerhalb den Bezirk, in dem wir groß geworden sind.« Immerhin hat der sie geprägt, wie nur eine Heimat prägen kann. Sie gehen mit den Jugendlichen an all jene Orte, um die sich Gefährlichkeitsmythen und Fremdheitsängste ranken: Männercafés und Moscheen, Mauerreste und Restebasare, die Oranienstraße und den Heinrichplatz. Den Negativbildern vom überfremdeten, randalebereiten, runtergekommenen Stadtteil, an denen nicht nur die Boulevardzeitungen hängen, sollte entgegengesetzt werden, wie dort aufgewachsene Kreuzbergerinnen ihn selbst sehen. Vielleicht, so die Hoffnung, können Abwehr und Angst dann noch um Neugier und Anteilnahme ergänzt werden.

»Ich wurde hier gezeugt, bin hier groß geworden, zur Schule gegangen«, verkündet Sponholz vor der Eberswalder Klasse. Eine ganz normale Jugend. Nur daß sie von ihren türkischen Freundinnen noch Türkisch lernte. »Obwohl du ’ne Deutsche bist«, wendet eine Schülerin ein. »Türkisch lernen ist erlaubt«, erwidert die heutige Studentin der Geschichte und Sozialkunde.

Foto: Michael Hughes
Im Kreuzberg Museum beginnt sie mit ihrer Führung. Dort läuft schon seit einiger Zeit eine Ausstellung über 300 Jahre Zuwanderung in den Bezirk. Sponholz läßt die Jugendlichen auf Karten ein paar Länder suchen, aus denen Menschen im Laufe der Jahrhunderte nach Berlin kamen: Frankreich, Böhmen, Polen, Türkei. 4 von 150 Nationalitäten, die hier leben, sind das. Die geographischen Kenntnisse einiger Jugendlicher bergen Konfliktpotential. Aus Polen wird da schon mal Rußland, aus dem Iran die Türkei.

Vor einer Istanbuler Kulisse erzählt die junge Frau, mit welchen Methoden die Berliner Industrie in den 60erJahren Menschen von dort als Arbeitskräfte angeworben hat. »Wer Löcher in den Zähnen hatte, wer eine Brille trug, zu dick oder zu dünn war, wurde aussortiert. Auch eine Urinprobe sollte abgegeben werden. Im Istanbuler Basar entwickelte sich daraufhin ein Urinprobenmarkt.«

Mit solchen Details, die das persönliche Empfinden tangieren, fängt die junge Stadtführerin ihre Zuhörer ein. Jetzt kann sie auf die persönliche Ebene wechseln und erzählen, daß ihr Freund selbst türkischer Herunft ist. Und daß seine Großmutter mit Grauen an die entwürdigenden Prozeduren beim Gesundheitscheck, an die langen Zugfahrten, an die Wohnheime, die verfallenden Altbauten im Kreuzberg der 70erJahre, an das ganze Leben auf Abruf denkt.

Der türkische Freund interessiert. »Stimmt es, daß du zum Islam übertreten mußt?«, fragt eine Schülerin. »Nein, der Islam akzeptiert andere Religionen«, erklärt sie. Nur wenn ein muslimisches Mädchen einen christlichen Jungen heiraten will, dann werde erwartet, daß er sich beschneiden, die Vorhaut entfernen, lasse. Ein paar junge Eberswalderinnen ziehen entsetzte Gesichter.

Nadja Sponholz und die drei Freundinnen, mit denen sie das Projekt »XBergTag« macht – X steht für »Kreuz«, sowie für das Unbekannte und die Variable –, setzen der Unkenntnis bewußt ihre eigenen Erfahrungen entgegen. Sponholz kennt die Perspektive eines deutschen Mädchens, das sich bei ihren nichtdeutschen Freundinnen zu Hause fühlte – obwohl dort familiäre Gesetze und Gewohnheiten galten, die sie nicht kannte. Die anderen drei Stadtführerinnen kommen selbst aus dem Ausland.

Da ist die 27jährige Gökçen Demiragli. Die Erziehungswissenschaftlerin arbeitet im Nachbarschaftshaus Schöneberg. Gökçen bringt vor allem die Erfahrungen ihrer Mutter und Großmutter ins Spiel. Diese kam in den 60erJahren als Analphabetin nach Berlin und arbeitete bei Siemens. Ihre Kinder ließ sie ein paar Jahre bei Verwandten in der Türkei, bevor sie sie nach Berlin holte. Demiraglis Mutter wiederum war immerhin fünf Jahre in der Schule. Kaum aber in Berlin, mußte sie, 16jährig, ebenfalls in der Fabrik arbeiten.

Wafaa Khatab, die jüngste der »vier Grazien«, wie die Stadtführerinnen sich selbst nennen, ist palästinensischer Herkunft. Sie kann die Geschichte ihrer Eltern, die in den 70erJahren vor dem Bürgerkrieg im Libanon flohen und in Berlin ein neues Leben anfangen mußten, erzählen. Khatab hat vier Schwestern. »Meine Eltern sind zwar sehr religiös, aber sie haben uns Mädchen nie gezwungen, ein Kopftuch zu tragen«, erzählt sie. Das heißt nicht, daß sie selbst nicht gläubig sei. Sie bete und sie faste im Ramadan. Derzeit ist die 24Jährige Pharmazeutischkaufmännische Angestellte, jedoch vor allem mit ihrem neugeborenen zweiten Kind beschäftigt.

Die Vierte im Bunde ist Ilknur Anlamaz, deren Vorfahren auch aus der Türkei sind. Allerdings sind es
Kurden. Anlamaz schmückt ihre Berichte gern mit der Lebensfreude und Feierlust ihres Großvaters, der wie ihre Großmutter als Analphabet nach Berlin kam, aus. »Was sind Kurden?«, wird sie von hessischen Jugendlichen, mit denen sie durch den Bezirk zieht, gefragt. »Ich habe das noch nie gehört.«

Es sind keine klassischen Stadtführungen, die die Frauen machen – auch weil sie nicht nur mitteilen, sondern teilen wollen. »Vorurteile entstehen doch vor allem, weil man nicht miteinander redet und nichts voneinander weiß«, meint Wafaa Khatab. Die Liebe der jungen Frauen zu ihrem Bezirk könnte anderen helfen, ihn mit neuen Augen zu sehen. »Wenn jemand am Ende zu mir sagt: ›Können wir noch einmal in die türkische Bäckerei gehen?‹, dann habe ich schon was gewonnen«, meint Sponholz.

Die Anfänge waren für die Stadtbegleiterinnen gar nicht so leicht. Sie mußten lernen, mit Vorurteilen gegen sie umzugehen. »Du bist ja keine Türkin, weil du kein Kopftuch trägst«, bekommt Gökçen Demiragli öfter zu hören. »Wie viele Türkinnen kennst du denn?«, fragt sie zurück. Und Ilknur Anlamaz ergänzt, daß sie schon vieles erlebt habe auf den
Die "Fünf Grazien" vom Kreuzbergmuseum Foto: Michael Hughes
Touren. »Sogar, daß Leute an mir gerochen haben.« Sie wirft ihre langen Haare in den Nacken. »Es wirkt sehr leicht, was wir tun. Aber es ist harte Arbeit und Erfahrung.«

Auf der XBergTour steuern die XBergerinnen zuerst einen Trockenfrüchteladen an und klären über die Verführungen aus Tausendundeiner Nacht auf: Rosinen in Traubensirup, türkischer Honig, Datteln, Mandeln oder geröstete Kichererbsen. Kichererbsen – das Wort löst Kichern aus. Die Verkäuferin hinterm Tresen läßt die Jugendlichen probieren. »Schmeckt nach Haferflocken«, meint einer der Eberswalder Teenager. »Ich eß das nicht. Auch keinen Döner. Ich hab was gegen Türken«, sagt ein anderer.

Auf den meisten Führungen geht es als nächstes ins Männercafé. »Eigentlich dürfen auch Frauen rein«, erklärt Anlamaz, »aber welche Frau mag es schon, wenn sich 50 männliche Augenpaare auf sie richten.« Die Männer spielen Backgammon, gucken Fußball. Die Jugendlichen werden zu grasgrünem Apfeltee eingeladen. Er schmeckt ihnen gut.

Der Oranienplatz, wo es bis vor kurzem große Fest und Hochzeitssäle gab, ist eine weitere Station. Laß uns über Hochzeiten reden, meint Anlamaz. »Oh ja«, raunen Mädchen der zehnten Realschulklasse. »Einmal und nie wieder«, stöhnt hingegen Anlamaz. Bei Kurden sei es so, daß der Mann zahlt. »Ob ich ein Kleid für 2.000 oder 10.000 Euro will – der Mann zahlt. Ob ich mit 20 oder mit 40 Freundinnen vor dem Fest zum Friseur gehe – der Mann zahlt.« Sie habe sich für ein preiswertes Kleid entschieden, denn wenn ihr Mann nach der Hochzeit verschuldet ist, dann leide sie auch. Zu ihrem Fest kamen 1.200 Leute. Sie kannte noch nicht einmal die Hälfte. Höhepunkt der Zeremonie: Wenn das Brautpaar mitten im Saal mit Geld und Gold beschenkt wird. Ilknur Anlamaz‘ Hochzeit soll 17.000 Euro gekostet haben, aber 19.000 Euro hätten sie bekommen. Dann studiert sie mit der Schulklasse zwei Hochzeitstänze ein, die auf dem Oranienplatz getanzt werden. Alle machen mit.

Ein weiterer Anlaufpunkt ist die Moschee. Nachdem sie ihre Schuhe ausgezogen haben, setzen sich die Jugendlichen in eine Ecke auf den Teppich, während ihnen gegenüber ältere Männer den Koran studieren oder sich gegen Mekka verbeugen. »Warum sind Männer und Frauen getrennt?« »Darf man ohne Kopftuch beten?« »Darf man mit Regenschirm in die Moschee?« »Warum dürfen Muslime mehr als eine Frau haben?« Die Frauenfragen wehrt Anlamaz brüsk ab: »Wenn Frauen so blöde sind, sich das gefallen zu lassen, sind sie selbst schuld.« Den Einwand einer Schülerin, daß der soziale Druck in den Familien so groß sei und Frauen wenig gelten, will sie heute nicht mehr stehenlassen. Daß allerdings in Deutschland lebende männliche Migranten sich Frauen aus der türkischen Provinz holen, weil diese sich mehr gefallen ließen als die, die in Berlin sozialisiert wurden, dieses Problem sieht sie auch.

Der 11. September habe das Interesse am Islam und die Klischeebilder über Kieze, in denen Migranten das Stadtbild prägen, verstärkt, erklärt Nadja Sponholz. Die seither größer gewordene Terrorangst aber verschärfe die negativen Bilder, die auch auf Kreuzberg projiziert werden. »Wir müssen damit umgehen, daß wir ständig gefragt werden: ›Wie oft bist du schon angegriffen worden?‹, ›Welche Waffen hast du dabei?‹, ›Können die Leute hier überhaupt Deutsch?‹« Dies spiegele das eingeschränkte Bild, das die meisten Leute vom Bezirk haben. Vor kurzem habe sogar eine Reinickendorfer Schule, die sich für Touren angemeldet hatte, nach einem Elternabend den Besuch abgesagt. Nach Meinung der Elternvertreter sei es zu gefährlich, nach Kreuzberg zu gehen. Zudem verletze es die religiösen Gefühle einer christlichen Mutter, wenn ihre Tochter in die Moschee ginge.

Zum Abschluß der Tour geht Anlamaz mit den hessischen Jugendlichen in ein türkisches Restaurant, wo man sich die Speisen auf dem Herd aussucht, essen. »Super, die Führung«, meint einer der Realschüler, »man kapiert etwas.« Und die Lehrerin sagt: »So funktioniert Integration wohl. Man ist neugierig aufeinander und läßt andere an seinem Leben teilhaben.«

Waltraud Schwab

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