Kreuzberger Chronik
März 2006 - Ausgabe 75

Ana Lichtwer Kreuzberger
Maria Schild

Eine vollkommene Erzählerin verändert ihre Geschichten jedes Mal, wenn sie erzählt.


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von Waltraud Schwab

Titelfoto: Dieter Peters

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Was wie der weise Satz einer Meisterin wirkt, hat in Wirklichkeit etwas mit Maria Schilds Leben zu tun: »Es war einmal und es war einmal nicht.« Etwas Verwunschenes lastet auf ihrer Kindheit und Herkunft. Im Krieg wurde sie geboren. Die ersten 23 Jahre ihres Lebens war ihre Nationalität: staatenlos. »Polakin« riefen manche ihr nach, und es war nicht freundlich gemeint. »Zigeunerin« auch, »Bankert« und »Bastard« dazu. Was unter den Faschisten opportun war, das war später nicht verboten. Sie hat es zu spüren bekommen. Deshalb kann sie jedes Mal anders über ihr früheres Leben berichten. So ist sie zur Märchenerzählerin geworden. Seit zwanzig Jahren übt sich die Meisterin des Faches darin. »Nennen Sie es Beruf«, sagt sie. Alle ihre Ausbildungen fließen dabei zusammen: Pädagogik, Ethnologie, Schauspielerei. Ein Glücksfall für eine, die sich die Welt immer selbst erklären mußte; für eine, die sich ungern angepaßt hat. Aber nicht nur das ist Maria Schild wichtig. Für sie ist die Welt der Märchen auch verknüpft mit der Suche nach einer Heimat. »Märchen werden auch erzählt, um Dunkelheit, Angst, Kälte vergessen zu machen«, sagt sie. Sie hat es so in frühester Kindheit erlebt, als sie nach dem Krieg bei ihrer Kasseler Großmutter, der Mutter ihres Vaters, aufwuchs. Ihre eigene Mutter, eine österreichische Polin aus Galizien, die sie unehelich zur Welt gebracht hatte, war im Krieg verschollen. Die Großmutter kannte sich aus mit dem Trost, der in den Geschichten liegt. Wenn das Mädchen Angst hatte, begann sie, ihr von Zauberern und Feen, von Dämonen, verwunschenen Prinzessinnen und allwissenden Tieren zu berichten. Ihre Stimme trug die Angst durch die Nacht. Der Enkelin war die Großmutter ein eigensinniges, aber auch leidenschaftliches und lebensbejahendes Vorbild. »Kind, man muß aus Scheiße Rosinen machen«, war ihr Zauberspruch. Soll heißen: Improvisation ist alles. Nur so wird Stroh zu Gold. »Reichtümer aber soll man nicht anhäufen, wohl aber innere Werte.« Die Großmutter habe ihr beigebracht, an sich zu glauben und in der Natur zu überleben. »Brennesseln, Klettenwurzeln, Melde, Löwenzahn, Bucheckern  alles ist eßbar.« Dies ist auch so ein Wissen, auf das eine, die es hat, jederzeit zurückgreifen kann. Solange die Welt allerdings in einigermaßen geordneten Bahnen verläuft, überlebt Maria Schild lieber in der deutschen Sprache und der Literatur aller Länder. Als man sie als Staatenlose nur duldete, wurde ihr die Literatur zur eigentlichen Nationalität. Sie kann sich mit der großen Geste, die ihr auf den Leib geschrieben ist, in sie hineinversenken. Und später, als sie die Märchen findet, die doch die großen literarischen Themen  Liebe, Neid, Machtmißbrauch, Verrat, Täuschung  auf eine einfachere Weise verdichten, teilt sie diese mit noch größerer Geste mit anderen, indem sie sie erzählt. Dunkelhaarig, leidenschaftlich, in kostbare Kleider gehüllt, die mal mit persischen Stickereien, mal mit seidenen Applikationen, mal mit goldenen Bordüren verziert sind, betritt sie die Bühne. Sie setzt sich auf ihren Stuhl, drapiert dabei bedeutsam die Fülle des Stoffes um ihren Körper, atmet ein und gibt mit träge dahinfließender Stimme eine Kostprobe ihres Könnens: »Als die Welt auseinanderbrach in ein Hell und ein Dunkel, in ein Schwer und ein Leicht, in ein Heiß und ein Kalt, verwandelte sich der Drache, der in ihr gelebt hatte. Seine Haare wurden die Sterne, seine Knochen die Berge, seine Tränen der Regen, sein Samen die Perlen, aber seine Flöhe, die sich unter den Schuppen seines Panzers eingenistet hatten, wurden zu Menschen.« e
Lesen in Griechenland Foto: Privat
Maria Schild möchte nicht, daß die Geschichte mitgeschrieben wird. »Geben Sie sie so wieder, wie es Ihnen gefällt.« Widerspruch duldet sie nicht. Tradierung sei nicht dogmatisch. Die Tränen des Drachen hätten auch die Meere sein können, die Haut die Erde, die Fingernägel die Tiere. »Bedeutsam allerdings aus chinesischer Sicht ist, daß die Parasiten zu Menschen werden.«

Das Dramatische ist Maria Schilds Markenzeichen. Dem huldigt die Hüterin der Drachen, obwohl es von ihren Lehrern mißbilligt wurde. »Junge Frau, Sie werden es schwer haben«, hatte Erwin Piscator, der Altmeister des Theaters, zu Maria Schild gesagt, als er Anfang der sechziger Jahre ihre Schauspielprüfung abnahm. Sie imitiert seine akzentuierte Stimme und wiegt dabei den Kopf hin und her. »Junge Frau, Sie werden es schwer haben ...«

Piscators Verdikt hat sie in ihrer Eigenwilligkeit allerdings mehr bestärkt als verunsichert. »Ich sah nicht der Norm entsprechend aus, ich konnte mich nicht gut verkaufen, ich wollte barock, überbordend, ausufernd und politisch sein. Nicht brav, angepaßt, weiblich und unterwürfig.« Eine Zeit lang spielte sie in Berlin an der Schaubühne unter Hartmut Lange und mit Dieter Hallervorden bei den Wühlmäusen. Vom Aufbruch Ende der sechziger Jahre politisiert, knüpft sie jedoch an ihren ersten Beruf als Erzieherin an und studiert Sozialpädagogik.

Schild ist eine radikale Verfechterin jenes Aufbruchs im Sozialen, der wie ein Ruck durch die bundesrepublikanische Gesellschaft ging. Gegen Verwahrung und für Entfaltung  sei es in Kinderheimen, in der Psychiatrie, in Gefängnissen, in Krankenhäusern  machten sich die 68er stark. Selbst jahrelang ausgegrenzt, war ihr Sinn für die gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten geschärft. »Der Mensch, nicht die Ordnung zählt.« Bitterkeit liegt in ihrer Stimme. Schild hat viele eigene Erfahrungen, auf die sie zurückgreifen kann. So kommt sie, 13jährig, nach dem Tod ihrer Großmutter in Kinderheimen unter. Zwei Jahre später, nach dem Ende der Schule, ist sie auf sich gestellt. Und die deutsche Staatsangehörigkeit erhält sie erst, als sie einen Deutschen heiratet. Sie tut es, weil sie schwanger ist und ihrem Kind die Erfahrungen einer Staatenlosen nicht zumuten will.

Ein Vierteljahrhundert lang hat Maria Schild in der Familienberatung des »Arbeitskreises Neue Erziehung« am Zickenplatz gearbeitet, aber diese Zeit ist nun vorbei. Jetzt kann sie sich endlich ganz aufs Erzählen konzentrieren. Obwohl die pädagogische Arbeit in Kreuzberg nicht nur zum Nutzen anderer, sondern auch zu ihrem eigenen war. Denn »hätte ich vom Märchenerzählen leben müssen, hätte ich vielleicht nicht so frei erzählen können.« Eine Märchenerzählerin aber, die sich die Seele aus dem Leib reden muß, um überleben zu können, würde nicht glaubhaft klingen. Und schließlich wollen auch Märchen geglaubt werden.

In den achtziger Jahren studierte die Berlinerin noch einmal. Dieses Mal Ethnologie. Ihr Schwerpunkt: das Schamanentum der sibirischen Völker. Die Schamanen sind kulturell die Überlieferer von Geschichte und Geschichten, Vermittler zwischen den Toten und den Lebenden. »Mythos steht nicht im Widerspruch zu Logos. Es ist eine andere Welt des Denkens. Keine bessere. Keine schlechtere. Beides sind Möglichkeiten, Denken, Fühlen und Handeln in Einklang zu bringen.« Fast schroff klingt es, wenn sie das sagt, denn es versteckt sich darin eine Offenbarung. Durch das Studium kam Maria Schild zum Märchenerzählen, das sie zurückführte zu ihren eigenen alten Wurzeln: den Geschichten, die ihr die Großmutter erzählte, und dem Trost, den sie ihr damit spendete.


Foto: Dieter Peters
Maria Schild begann, nicht nur Märchen zu sammeln, vor allem jene aus dem asiatischen Raum, sondern auch eine Lanze für das Erzählen zu brechen. »In den östlichen Ländern erhält man dafür großen Respekt. Bei uns wurde ich belächelt.« Mittlerweile allerdings hat sie eine gestandene Fangemeinde. Außerdem hat sie ganze Generationen von Nachfolgern im Erzählen ausgebildet. Die meisten sind Frauen.

Gern reist sie mit einigen ihrer Anhängerinnen in geschichtenreiche Regionen. Unterwegs tauschen sie Mythen aus mit den Einheimischen, besuchen unbekannte Orte und erfragen die Legenden, die damit verbunden sind. »Noch die kleinsten Völker haben Märchen und eine wunderbare Poesie.« Es ist eine Art des Reisens, die Schild und ihren Gefolgsfrauen die Türen öffnet, weil sie selbst nicht mit leeren Händen ankommen. Mit der Transsibirischen Eisenbahn sind sie gefahren, entlang der Seidenstraße sind sie gereist, und in Mesopotamien waren sie, bevor der Irakkrieg seine Zerstörungsspur über die ältesten Stätten der Menschheit zog. China, den Iran und Syrien haben sie erkundet. In Buchara und in Samarkant hat Schild in den Innenhöfen berühmter Medresen, ehemaliger theologischer Hochschulen, Märchen erzählt, in Palmyra im Amphitheater, in Uruk auf den Ruinen, dort, wo das Gilgameschepos entstand. »Man kann Märchen auf sich wirken lassen, muß sie nicht interpretieren und kann sie verwerfen, wenn man sie nicht mag.«

Ihr neuestes Projekt: Die »Blaue Karawane«  eine Bücherserie. Darin berichtet sie von ihren Reisen und dem, was sie entlang ihrer Wege an Erlebnissen, Erfahrungen und Erzählungen aufgesammelt hat: Schild erzählt von Schwänen, die zum Menschsein gezwungen sind, von metallenen Bergen, von bösen Stiefmüttern, aber auch von ihren wirklichen Weggefährtinnen, die zu Freundinnen wurden. Immer steckt Hoffnung darin.

Sibirien hat es Schild angetan. Dort wohnt Baba Jaga, die berühmteste Hexe des Ostens. Eine Gebende und eine Nehmende sei sie, eine Verschlingende und eine Gebärende. Deshalb habe es in den Regionen, in denen sie beheimatet ist, keine Hexenverbrennungen gegeben. Eine, die gut und schlecht ist, bewegt sich im menschlichen Rahmen. Schild mag Baba Jaga aber noch aus einem anderen Grund. Sie ist ihr Alter Ego, wissen doch beide darum, wie man Menschen in den Bann zieht.

Wenn Schild ihre Märchen erzählt, tut sie alles, um ihr Publikum zu fesseln. Sie benutzt die eigenen Bewegungen, die Modulation ihrer Stimme, das lebendige Spiel ihres Gesichts, damit wer zuhört, sich nicht ablenken läßt. Die Konzentration, die dabei im Raum entsteht, kann sie modellieren. Also will sie die Leute beeinflussen? »Ja, im Sinne meiner Großmutter« Die habe immer gefordert: »Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.« Streng klingt es, wenn sie das sagt.


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