Kreuzberger Chronik
Dez. 2006/Jan. 2007 - Ausgabe 83

Kreuzberger
Ana Lichtwer

Ich bin ein Gastarbeiterkind


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von Petra Lose

Fotos: Dieter Peters

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Ana Lichtwer hatte es überall probiert. Sie hatte bei der Heiligkreuz-Passionskirche, bei Synanon, Oxfam und bei der Sozialkantine vorgesprochen, und jedesmal war man ihr mit Skepsis, manchmal gar mit Mißtrauen begegnet, wenn sie ihr Sprüchlein aufsagte: »Ich möchte ein soziales Projekt gründen, das sich selbst trägt. Könnt ihr mir dabei irgendwie helfen?«

Das war verdächtig. Manche sagten es offen heraus: »Warum kein Projekt, für das man Fördergelder beantragen konnte?« Alle warben heutzutage um Fördergelder! Warum nicht sie? Manchmal antwortete sie: Weil die Fördergelder irgendwann ausgehen werden! Manchmal antwortete sie: Weil ich nach zwanzig Jahren ein Resultat von meiner Arbeit sehen möchte! Manchmal antwortete sie: Weil ich nicht mehr in Arbeitszeit, sondern in Lebenszeit rechne. Und dann muß jeder Tag seinen Sinn haben.

Das verstehen nicht alle. Immer wieder, selbst unter ihren engsten Mitarbeiterinnen, löst die unkonventionelle Gründerin des Berliner Büchertisches Verwunderung aus. So zum Beispiel, als sie den gut erhaltenen Harry Potter zu einem Stapel von Büchern legte, die sie an Schulen weiterschenken wollte. So wie sie viele der gespendeten Bücher an die Hölderlinstiftung, an Jugendorganisationen oder Bibliotheken weiterleitet. Ihre Mitarbeiterin hatte aber nicht ganz unrecht, als sie sagte, daß das Buch beim Verkauf im Laden einige Euro einbringen würde, die dann den Mitarbeitern des Büchertisch-Projektes zugute kämen, und nicht einer fragwürdigen Bildungspolitik. Ana Lichtwer antwortet schnell: »Ich tue es für die Kinder, nicht für die Schule!« Am Ende einigte man sich auf einen Kompromiß, und Potter steht jetzt in der Schulbibliothek jener Schule, die der Sohn der Mitarbeiterin besucht.

Auch die Eltern von Ana Lichtwer, die in den Siebzigerjahren aus Serbien nach Bielefeld kamen, um der Armut im eigenen Land ein Shnippchen zu schlagen, konnten die Unternehmungen der Tochter nicht verstehen. Sie waren beeindruckt von ihren Aktivitäten, aber sie kratzten sich den Schädel, wenn sie den mageren Lohn für die viele Mühe sahen. Denn die Tochter überwies sich gerade mal einen Lohn in Höhe des Sozialhilfesatzes aufs Privatkonto. Auch jetzt geht ihr Lohn nicht über das hinaus, was ihre Familie zum Leben braucht.

Andererseits ist Ana Lichtwer weltoffen genug, um zu wissen, daß Geld »ein Motor ist«, ein Anreiz, der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter motiviert und also dem Projekt zu gute kommt. Sie hat nicht umsonst in großen Firmen gearbeitet und drei Mal die Woche mit »irgendwelchen langweiligen Typen in teuren Restaurants« gesessen. Jetzt, nach dem Brand und dem Feuerwehreinsatz, sitzt sie neben zwei Mitarbeiterinnen in einem kleinen, improvisierten Büro mit nackten Wänden, gibt Buchtitel in den Computer ein, begrüßt den eintretenden Elektriker und fragt, was er auf dem Herzen habe, während der Bauleiter anruft und sagt, er habe ein Problem, und eine Kollegin fragt, wo denn das Toilettenpapier schon wieder sei. Und wenn Ana Lichtwer dann immer noch geduldig lächelnd allen antwortet, dann wird klar, daß diese Frau neben einem Gefühl für Logistik eine außergewöhnliche Geduld besitzt, eine Engelsgeduld. »Aber Herr Bauleiter, was für ein Problem haben Sie denn? Ich habe doch längst alles mit den Arbeitern besprochen!« Da ist keine Ironie zu hören. Nur ein winziges Zucken im Mundwinkel läßt vermuten, was sie über Bauleiter denkt. Und daß Bauleiter nur Bauleiter sind, weil sie auf dem Bau herummeckern.

Ana Lichtwer bewahrt die Ruhe. Auch dem Brand, der sich vor einigen Wochen über den Bücherbestand hermachte, begegnete sie nach dem ersten Schock mit erstaunlicher Gelassenheit. 20.000 lieferbare Bücher hatte der Büchertisch in knapp 3 Jahren gesammelt, katalogisiert und archiviert, als das Feuer ausbrach. Ein großer Teil dieser Bücher

Ana Lichtwer
Foto: Dieter Peters
wurde vernichtet. Aber schon nach wenigen Tagen erkannte sie positive Aspekte. Nicht, weil sie »jetzt unbedingt alles positiv sehen muß. Aber so schnell und günstig hätte man die Fabriketage doch nie renovieren können!« Am Ende wird der Büchertisch am Mehringdamm Nummer 51 im zweiten Hinterhof mit den Bänken unter dem Sonnenschirm und den Blumenkästen und dem großen, hellen, apfelsinenfarbigen Verkaufsraum schöner sein als die beiden anderen Filialen, die das scheinbar unprofitable Unternehmen inzwischen besitzt: Den Pionier-Tisch in der Riemannstraße und den Büchertisch in einer alten Bibliothek in Pankow.

Der respektable Umsatz, den Ana Lichtwer mit den Büchern machte, beeindruckte auch die Eltern des »Gastarbeiterkindes«, die einst aus Serbien nach Deutschland kamen, um Geld zu verdienen, und die es deshalb nicht verstehen, wenn die Tochter eher an die Schaffung neuer Arbeitsplätze als an die Absicherung des eigenen denkt. Drei solcher Arbeitsplätze sind inzwischen am Büchertisch entstanden, hinzu kommen einige 100-Euro-Jobber und einige ehrenamtlich Tätige, »die aber richtige Arbeit leisten.« Sie alle möchte Ana Lichtwer einmal in einem festen Arbeitsverhältnis sehen. Was ihr vorschwebt, ist eine Art Lebens- und Arbeitsgemeinschaft, wie sie es bei der Emmaus Gemeinschaft in Köln gesehen hat. Ein Ideal, das ihr nicht mehr aus dem Kopf ging.

Daß aus der ursprünglichen Idee vom sich selbst tragenden Sozialprojekt ein so erfolgreiches »Unternehmen« werden würde, daran hatten wohl nur Ana Lichtwer und ihr Mann geglaubt, der »immer mit Tat und Rat zur Seite stand«, ohne jedoch darauf zu bestehen, daß sie seinen Rat befolgte. »Was bei mir schon ein bißchen anders ist!« Denn Ana Lichtwer setzt ihre Ideen gerne in die Tat um. Wenn es sein muß, auch im Alleingang. Obwohl sie immer ans Kollektiv geglaubt hat, an Mitbestimmung. Und obwohl sie den kompletten Büchertisch in einen Verein überführt hat, der mehrheitlich entscheidet. Andererseits wären jene, die heute von Hartz IV leben, froh, wenn ihnen eine Aufgabe gestellt wird. »Die brauchen klare Linien«, damit es überhaupt noch irgendwo langgeht. Das hört sich an wie die Reden von Politikern, aber die alternative Buchhändlerin sieht in 100-Euro-Jobs nicht die Lösung. Sie sind nur eine Stufe, am Ende der Entwicklung steht eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft, in der jeder genug hat zum Leben. Das ist ihr immer wichtig gewesen.

Denn Ana Lichtwer hat die Nähe zur Armut nie verloren. Sie ist nach dem Abitur sogar noch einmal heimgekehrt in das kleine Städtchen Stava Pazova, irgendwo in dieser öden Landschaft zwischen Novi Sad und Belgrad, der niemand etwas abgewinnen kann außer jenen, die dort ihre verbrachten und Erinnerungen mit ihr verknüpfen können. »Meine Eltern waren Bauern und pflügten noch mit Pferden«, aber es gab noch andere, noch ärmere, die zur Maisernte aus Bosnien kamen und tagelang in der Hitze arbeiteten, ohne sich waschen zu können. »Der einzige weit und breit, der ein Badezimmer hatte, war mein Großvater, doch der war weit weg. Und ich weiß noch genau, wie diese Leute rochen, wenn sie aus der Scheune kamen, in der sie schliefen.« In diese Landschaft ist sie zurückgekehrt nach dem Abitur in Bielefeld, zurückgekehrt, um vielleicht für immer dort zu bleiben und dort zu leben. Sie hatte »eine ganz alte Sehnsucht nach diesem Land«, vielleicht seit diesen ersten unglücklichen Tagen in der Klosterschule in Deutschland, in der sie kein Wort verstand. Aber schon wenige Wochen nach ihrer Rückkehr in die alte Heimat mußte sie eine
Nach dem Brand
sehen: »Die Welt meiner Eltern ist mir eine Fremde!«

Sie suchte weiter. Fuhr mit Mann und Kind nach Südfrankreich, Mexiko, Kuba, selbst an der Elfenbeinküste suchte sie nach einer Heimat, und immer auch ein bißchen nach sich selbst. Sie versuchte das Leben auf dem Land, aber in Südfrankreich drängten sich die Häuser so dicht aneinander, daß kaum noch Licht zu den Menschen vordrang. »Und man wird trübsinnig ohne Licht!« An der Elfenbeinküste brach der Bürgerkrieg aus, und auch in Straßburg »sah man die Landschaft nur noch durch die Windschutzscheibe!« Dann fanden sie doch noch ein Haus in Frankreich, das ihnen gefiel. Allerdings mußten sie drei Monate warten mit dem Einzug, und für diese drei Monate kamen sie nach Berlin. »Am Anfang habe ich geweint, wieder hier in dieser Enge... aber dann ...« Dann ging plötzlich alles ganz schnell.

Ana Lichtwer spricht eine schöne und klare Sprache. »Obwohl wir nur ein einziges Buch zuhause hatten: ein Kochbuch!« Vielleicht studierte sie deshalb an der FU Publizistik und Slawistik, vielleicht wohnte sie deshalb Ende der Achtziger mit Künstlern in diesen riesigen Wohnungen in St. Petersburg, stellte ihre Bilder aus, kam nach Berlin zurück und arbeitete in einer Galerie am Savigny-Platz. Immer auf der Spur der Kultur. Das Leben hatte sie schon ein wenig herumgetrieben, bevor sie bald vierzigjährig mit ihrer Idee im 2. Quergebäude am Mehringdamm einzog. »Die 1. Reihe war zu teuer, also blieben nur die 2. oder 3.« Daß es am Ende Bücher wurden und nicht Kleider, die sie verkauft, um den Erlös in die Kassen ihres Sozialprojektes fließen zu lassen, sei nur ein Zufall gewesen. Es sei einfach kein Platz gewesen in der 3-Zimmerwohnung für die vielen Bücher, die sich im Laufe ihres Lebens angesammelt hatten, weshalb sie damit begann, ihre Schmöker unter der Internetadresse »Büchertisch.de« anzubieten. Als einige verkauft waren, kam ihr die Idee, auf der Basis alter Bücher ihre langjährige Idee zu verwirklichen. Es mußte noch andere Leute geben, die zuviele Bücher für ihre kleinen Wohnungen hatten, und die bereit wären, diese in ein Sozialprojekt zu investieren! Heute steht vor dem Mehringdamm 51 eine Büchersammelkiste.

Doch das alles ist nicht genug. Ein Veranstaltungszentrum schwebt ihr vor, der Hof soll ein Ort für Lesungen, Diskussionen und Musik werden. Sie denkt an eine Gemeinschaft Kulturschaffender. Noch immer sprudeln aus ihr die Ideen, noch immer ist sie auf der Spur der Kultur. Und noch immer mit der Armut im Nacken. Immer mit diesem sozialen Anspruch, der in seiner Hartnäckigkeit schon etwas christliches, etwas politisches hat. Auch wenn sie »weder politisch noch christlich« sein möchte. Einfach nur Ana Lichtwer. Und selbst das ist ihr manchmal schon zu viel. Zu oft fällt ihr Name, zu selten werden die anderen erwähnt. »Das ist nicht mein Projekt«, sagt sie, »das ist unser Projekt«. Sie möchte nur ein Teil sein von diesem Büchertisch, ein Bein von vielen. Sonst wäre das eine wacklige Angelegenheit. »Wenn ich gut bin, dann schaffe ich etwas, das in 20 Jahren auch ohne mich funktioniert«, sagt sie. Denn dann wäre das alles nicht umsonst gewesen. Dann wäre Arbeitszeit wirklich gleich Lebenszeit.


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