Kreuzberger Chronik
Juli 2005 - Ausgabe 69

Strassen, Häuser, Höfe

Die Skalitzer Straße


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von Werner von Westhafen

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Die Skalitzer Straße ist eine der berühmtesten Kreuzbergs. Manchmal findet die lange Gerade unter den Gleisen der alten Hochbahn sogar in überregionalen Zeitungen und in den Spätnachrichten im Ersten Erwähnung. Meistens ist das am 1. Mai, wenn es wieder einmal raucht in Kreuzberg. So wie 1987, als in der Skalitzer Straße Bolle brannte. Die Skalitzer Straße hat sich einen Namen gemacht als Kriegsschauplatz.

Auch ihren Namen verdankt sie einem berühmten Kriegsschauplatz: In Skalitz, einem bis zum Sommer 1866 bedeutungslosen und unbekannten Dörfchen an der preußischösterreichischen Grenze, fand am 28. Juni 1866 eine der kriegsentscheidenden und blutigsten Schlachten im letzten deutschdeutschen Bruderkrieg statt. Sie endete mit einem klaren Sieg der preußischen Armee, der als beispielhaft für die moderne Kriegsführung galt. Detaillierte Beschreibungen der Strategien und der Kampfhandlungen fanden Eingang in die Lehrbücher der Militärs und klingen ähnlich wie die Analysen nach einem Länderspiel der deut schen Nationalmannschaft: »Der erste mit großer Überlegenheit geführte Angriff war abgeschlagen, wie auch das Vorgehen des rechten Flügels ...« und »Das Gefecht zeigte als treffendes Beispiel taktischer Defensive bei gleichzeitiger strategischer Offensive...« oder »fast alle ihre Angriffe waren schon nach etwa 100 Metern gestoppt worden.« Doch anders als auf dem englischen Rasen verloren die Soldaten in den Schlachten von Nachod, Skalitz und Königgrätz mehr als nur einen Sieg. Allein am 3. Juli 1866 starben über 44.000 von insgesamt 436.000 Soldaten, die in das letzte und entscheidende Gefecht bei Königgrätz gezogen waren.

Im Dörfchen Skalitz, das schon auf österreichischer Seite lag, hatte man bis zuletzt gehofft, daß der Krieg an einem anderen Ort stattfände, denn die preußischen Armeen wurden in Oberschlesien und Sachsen zusammengezogen. Aber am 21. Juni überbrachte ein preußisches Husarenkommando ausgerechnet in der Nachbarortschaft Nachod die Kriegserklärung, drei Tage später rückten 20.000 österreichische Soldaten zur Verteidigung der Landesgrenze an. Wiederum zwei Tage später marschierten die Preußen auf, und schon am 27. Juni hörte man in den frühen Morgenstunden Kanonendonner nahe der Grenze. Zwar hatten die Österreicher die Brücke über die Mettau, den Grenzfluß zwischen den befeindeten Ländern, eingerissen, doch die Preußen hatten sie unter dem Schutz ständigen Artilleriefeuers innerhalb weniger Stunden wieder aufgebaut. Um drei Uhr am Nachmittag wurde es stiller, die Österreicher hatten ihre erste Niederlage erlitten, und Theodor Martinetz, Sohn eines Pfarrers im nahegelegenen Tscherbeney, schrieb in sein Tagebuch: »Nun kamen auch schon die ersten Verwundeten, bald waren es Hunderte. Sie wurden in die nächstgelegenen Lazarette weitertransportiert«, die sofort überfüllt waren. Alle »ansehnlichen Gebäude« in der Nähe wurden nun zu Krankenlagern umfunktioniert, sogar das Schloß von Nachod wurde zum Lazarett.

Am nächsten Morgen schon saß der preußische General Steinmetz hoch zu Roß auf dem Schlachtfeld von Skalitz, wo sich die österreichischen Verbände gesammelt hatten. Die Dragoner der Preußen waren schwer zu schlagen, sie stürmten mit ihren Pferden in die »sich rasch zu Knäueln ballenden Infanteristen« der Österreicher, sogar eine Fahne konnten sie ihnen entreißen. Erzherzog Leopold war geschlagen, und auch an den Nebenschauplätzen des deutschdeutschen Krieges, in Schluckenau und Reichenberg, überschritt die preußische Armee die Grenze und schlug die Österreicher samt den verbündeten Sachsen in die Flucht. Nach dem Sieg bei Skalitz aber, das am Ende eines Tales und strategisch schwierigen Geländes lag, öffnete sich für das preußische Heer der Weg nach Böhmen.

Wenige Tage später kam es zum Finale. Am frühen Morgen des 3. Juli trafen die feindlichen Truppen bei der Festung Königgrätz aufeinander. Sogar König Wilhelm I., begleitet von Bismarck und Moltke, glänzte mit Anwesenheit und »strapazierte die Nerven seines Gefolges, indem er die Schreckensbilder (...) von Jena und Auerstedt (...) heraufbeschwor.« Erstmals im deutschdeutschen Krieg leisteten die Österreicher erbitterten Widerstand. Schon sah es aus, als sei Preußen geschlagen, denn die Preußen waren erschöpft und der österreichische Oberbefehlshaber Benedek hatte noch 58.000 Mann in Reserve, die er im entscheidenden Augenblick ins Spiel bringen wollte. Doch als der österreichische Oberst Neubert ins nahegelegene Lager im Dörfchen Chlum ritt, sah er seine komplette Kavallerie panikartig davonsprengen. Die Preußen hatten hinter ihrem Rücken völlig unbemerkt Dorf und Lager eingenommen.

Neubert ritt aufs Schlachtfeld zurück und wollte Bericht erstatten. Er bat darum, seinem Chef »eine Meldung unter vier Augen machen zu dürfen«, aber Benedek erwiderte: »Wir haben keine Geheimnisse.«  »Dann habe ich zu melden, daß die Preußen Chlum besetzt haben.« Benedek sagte: »Plauschen Sie nicht so dumm!«, aber dann riß er sein Pferd herum und jagte auf Chlum zu, sein Stab hinter ihm her. Kaum erblickte er das Dörfchen, schlug ihm ein Bleischauer entgegen.

Wütend schickte er mehr und mehr Soldaten ins Gefecht, doch die Preußen ließen die wütenden Österreicher bis auf 300 Meter herankommen und eröffneten dann das Schnellfeuer. Tausende Soldaten mußten in einer sinnlosen Attacke ihr Leben lassen, während auf der anderen Seite die Preußen immer näherkamen. Als die Nacht hereinbrach, waren die Österreicher umzingelt. Plötzlich brach Panik unter ihnen aus, sie versuchten zu fliehen und das sumpfige Gelände der Grenzregion auf den Dämmen zu durchqueren. Hunderte von Soldaten verloren in der Dunkelheit die Orientierung und ertranken, »andere wurden im Gedränge der Menschen, Pferde, Kanonen und Fuhrwerke zu Tode getrampelt.«

»Der 3. Juli«, schrieb Martinetz in sein Tagebuch, »war ein düsterer regnerischer Tag. Gegen Abend verteilten sich die Nebel, und die Aussicht nach Böhmen wurde frei. Von den Tassauer Höhen sah man deutlich die Rauchsäulen der brennenden Dörfer. Die ersten Nachrichten über den Ausgang des entscheidenden Ringens erfuhr die Bevölkerung erst am 5. Juli durch Extrablätter der Zeitungen.«

Auch nach Berlin drang die Nachricht, wo sie laut bejubelt wurde. Noch heute erinnert die Skalitzer Straße an den blutigen Sieg. Auch wenn die Dörfer Nachod, Königgrätz oder Skalitz, nach denen die Schlachten benannt wurden, längst alle auf tschechischem Boden liegen.

Werner von Westhafen


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