Kreuzberger Chronik
Oktober 2004 - Ausgabe 61

Die Geschäfte

Die Jonglerie


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von Ernst Niemann

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Die Kunden des Herrn Lüft bewegen sich gern auf Seilen und Trapezen über Zirkusarenen. Sie lassen glitzernde Jonglierkegel durch die Lüfte schwirren oder Zylinder und Melonen vom Arm auf den Kopf fliegen. Die »Jonglerie« ist einzigartig in Berlin, Clowns, Artisten und Hobbyjongleure kommen aus der ganzen Stadt, sogar aus Polen in das Geschäft in der Körtestraße. Der Kinderzirkus St. Petersburg gehört zu den Stammkunden, und nicht selten, wenn Berliner Artisten auf Tournee gehen, muß Herr Lüft ganze Kisten mit Requisiten füllen.

Alles in der »Jonglerie« flüchtet vor der Schwerkraft, möchte nach oben. Auch der Verkäufer, der ohnehin schon knapp zwei Meter mißt. Als er das erste Mal den Laden des Herrn Lüft betrat, der damals noch an der Hasenheide lag, war er gerade halb so groß. Er suchte nach einem dieser phantastischen Wurfhölzer, die man wegwarf und die brav wie ein Hund wieder zurückkamen. Mit den Boomerangs in seiner Heimatstadt hatte er keinen Erfolg, denn es gab sie nur in der Ausführung für Rechtshänder. In der »Jonglerie« aber wurde er fündig, und Jahre später war Torsten Schäper ein leidenschaftlicher Jongleur. Er gründete mit Gesinnungsgenossen den Berliner Jonglierverein »Circulum« und kehrte auf der Suche nach einem Job zu den Wurzeln zurück. Herr Lüft war nicht abgeneigt, als er den jungen Germanistikstudenten sah. Heute gibt es kaum etwas in seinem Laden, mit dem sein Verkäufer nicht auch ein kleines Kunststückchen vorführen könnte.

Um die bunten Luftschlangen kreisen zu lassen, muß er allerdings vor die Tür gehen. Die langen, um den Körper kreisenden Farbbänder, die ursprünglich von den Maoris zum Tanzen verwendet wurden und Kiwidos heißen, kennt man aus der rhythmischen Sportgymnastik und aus dem Zirkus. Auch die überdimensionalen Zwirnrollen, die auf einer zwischen zwei Stöcken gespannten Schnur rollen und haushoch in die Luft geschleudert werden können, brauchen ihren Platz. Der Weltrekord im »Diabolo«-Hochsprung liegt bei 37 Metern. Von solchen Höhen konnten die ersten Flieger auf dem Tempelhofer Feld nur träumen.

Drachen lassen die Männer in der Körtestraße nicht steigen. Sie hängen träge von der Decke des Geschäftes: Drachen für Kinder, die als Raben oder Fledermäuse am Himmel kurven, als Batman oder als fliegende Kobra. Schon bei Windstärke zwei steigt ein traditioneller Rautendrachen auf, ein Erfolgsmodell, das schon viele Kinder und auch deren von gescheiterten Versuchen mit anderen Flugobjekten frustrierte Eltern so glücklich machte, daß sie in die Körtestraße zurückkamen, nur um sich bei Herrn Lüft zu bedanken.

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Foto: Dieter Peters
Die Lenkdrachen dagegen sind für die größeren Kinder, erreichen eine Spannweite von bis zu vier Metern und ziehen an ihren vier Schnüren Surfer und Skater über Wellen und Parkplätze. Und wenn der Wind gut weht, dann können sich auch die Drachenlenker mal ein paar Zentimeter und ein paar Sekunden lang vom Erdboden lösen. Die Ballone schaffen das nicht. Selbst die gigantischen Gummibälle mit einem Durchmesser von drei Metern können, mit Helium gefüllt, höchstens eine Last von drei Kilogramm heben. Weshalb Filmleute zwei von ihnen vor die Kamera spannen müssen, wenn sie Aufnahmen aus der Vogelperspektive machen möchten, ohne dazu gleich ein Flugzeug zu mieten. Luftballone liegen viele in den Bonbongläsern der Jonglerie, in allen Farben und Formen: für die Geburtstagsfeiern der Kleinen gibt es Zeppeline, Automobile und Delphine, für die der Großen rosafarbene Herzen. Und für die echten Freunde der Fliegerei den Luftballonhubschrauber: Versehen mit einem Propeller, angetrieben durch die ausströmende Luft des Ballons, erhebt er sich ebenso schnell in die Höhe wie er wieder herunterkommt.

Der Aeorocopter dagegen ist ein kleines Fluggerät, das mit dem Gummi abgeschossen wird, eine Höhe von etwa 15 Metern erreicht, dann zwei kleine Flügel öffnet und wie ein Ahornblatt gemächlich wieder zu Boden trudelt. Ebenso genial wie simpel ist der Aeroprop, eine Art fliegender Kreisel, der aus nicht mehr besteht als einem Holzstäbchen und einem hölzernen Propeller. So, wie man den Kreisel mit den Fingerspitzen in Schwung bringt, damit er sich über den Boden bewegt, dreht man das Hölzstäbchen in den Handflächen, läßt los, und der Propeller fliegt davon. Falls man den Propeller in die richtige Richtung dreht. Sonst rast er rasend schnell zu Boden. Auch die kleinen »Sputniks« sind im Sortiment, die sich, vom Gummiband aufgezogen, in den Himmel schrauben. Ausgestattet mit Blinklicht ist der »Ufo Saucer« sogar für den Nachtflug geeignet.

Natürlich können die fliegenden Untertassen, die immer wieder über der Hasenheide und im Viktoriapark gesichtet werden, in Lüfts Regalen nicht fehlen. Frisby-Piloten schaffen mit den Plastiktellern Weiten von 200 Metern. »The World’s Best Flying Ring« ist ein Teller ohne Boden, der es auf 400 Meter bringen soll. Der Verkäufer des Herrn Lüft hat ihn getestet und nickt. Das Ding fliegt und fliegt.

Nichts in der Welt des Herrn Lüft bleibt am Boden: Pfeilschnell fliegen die Dartpfeile, langsam schweben Seifenblasen durch den Raum, bis der Traum vom Fliegen zerplatzt, und an der Decke der »Jonglerie« dreht sich heimlich und leise ein Mobile. Nur die Flugzeuge fehlen. Nicht einmal die kleinen Plastikflieger, die Kinder früher mit Gummiflitschen in ihre kleinen Umlaufbahnen schickten, sind im Sortiment zu finden. Flugzeuge sind tabu in Lüfts Jonglerie. Flugzeuge haben mit Artistik oder Sport nicht viel zu tun. Und schließlich war Herr Lüft einmal ein Sportstudent.

Es war die Zeit, als auch der Sport nach Alternativen zu Hammerwerfen und Fußballspielen suchte, als Artistik auch im Westen mit sportlichem Ernst wahrgenommen wurde. Doch selbst die simplen Kegel, die unter keiner Zirkuskuppel fehlten, waren in Deutschland teure Mangelware. Also bestellte Lüft die fliegenden Kegel in Amerika, und schon bald betrieb er einen florierenden Handel mit Jonglierkegeln für Artistikstudenten. Vor genau zwanzig Jahren ließ er das Studium Studium sein und eröffnete mit einem Kommilitonen die Jonglerie.

Aber nicht alles wird manuell in die Lüfte befördert: Einmal im Jahr schafft auch Herr Lüft Platz für die farbenprächtigen Flugobjekte, die um zwölf Uhr Mitternacht in den Himmel über der Stadt steigen. Die Raketen des Herrn Lüft sind keine Sammelpackungen wie die von Aldi und auch keine einfachen Feuerwerkskörper, die aufsteigen, mit lautem Knall explodieren und ein paar blasse Farbtupfer in der Nacht hinterlassen. Es sind Raketen, die Kompositionen aus Farben und Figuren an den Himmel malen können. Sie steigen höher als alles, was sonst noch fliegt in der Welt des Herrn Lüft. Man nimmt ein Streichholz, zündet an, lehnt sich zurück, nimmt ein Glas Sekt und sieht – in die Lüfte. <br>

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