Kreuzberger Chronik
März 2004 - Ausgabe 55

Strassen, Häuser, Höfe

Dynasty - der Hohenzollernclan (4):
Die Waldemarstraße



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von Michaela Prinzinger

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Friedrich Wilhelm Waldemar, Prinz von Preußen, schlug – wie auch schon sein älterer Bruder Adalbert – die militärische Laufbahn ein. Doch der Drang, ferne Länder zu sehen, führte ihn bald in die Fremde. Nachdem er das Mittelmeer und Südamerika bereist hatte, begab er sich 1844-45 als erster deutscher Fürst nach Indien, bis der Kampf der Engländer gegen die Sikhs der Reise ein jähes Ende bereitete.

Von Aden aus begab er sich mit dem Dampfschiff »Hindustan« auf die vierwöchige Fahrt nach Ceylon. »Den ganzen Weg über sahen wir geputzte Leute und Häuptlinge mit ihren Insignien, den viereckigen platten weißen Mützen, vielen Ringen in den Ohren und an den Fingern. Sie begrüßten den erwarteten Prinzen voll Hochachtung mit vor dem Gesicht gefalteten Händen und einer kleinen Verbeugung; doch sah man ihnen etwas die getäuschte Erwartung an, als sie statt des mit Gold belasteten, krontragenden und elephantengetragenen Herrschers im orientalischen Sinne den Prinzen im einfachen Reiseanzuge erblickten; denn sie hatten einen ganz außerordentlichen Anblick erwartet. Von der Einfachheit eines deutschen Fürsten hat man im Orient keine Vorstellung,« merkt Dr. Hoffmeister, einer von Waldemars Reisebegleitern, in seinen »Briefen aus Indien«.

Der Prinz hingegen hielt seine Impressionen mit dem Zeichenstift fest: Er porträtierte die Einheimischen und die tropischen Früchte, für die sich die Europäer begeisterten – Mangos, Pampelmusen, Papayas, Kokosnüsse, Litschis, Bananen und Orangen. Die verschwenderische Fülle hinterließ einen tiefen Eindruck bei der Reisegesellschaft: »So übermächtig ist hier die Natur. Bei uns muß man Jahre lang pflanzen und mit Sorgfalt pflegen, um ein erträglich grünes Gebüsch zu erzielen; hier verdrängt die Vegetation bisweilen die Menschen, begräbt Dörfer und Reisfelder in dichtem Buschwerk. Dieses Buschwerk, Jungle genannt, wächst so dicht, so eng Stämmchen an Stämmchen, tüchtig mit Schlingpflanzen und dornigen Schmarotzern zusammengefilzt, daß man an vielen Stellen vergeblich versuchen würde, sich einen Durchgang zu bahnen. Nur der Elephant, der Herr dieser Wildnis, geht mit seinen Riesenpfeilern hindurch wie Kinder durch ein Kornfeld und stampft den krachenden Wald zusammen.«

Nach und nach hatten sich Waldemar und Hoffmeister an die Begleiterscheinungen ihrer Reise gewöhnt – an die lästigen Blutegel, an die »Bangalos«, in denen sie untergebracht waren, und an das Nationalgericht, »den Kurrie«, der bei keinem Diner oder Frühstück fehlte – und entschlossen sich zur Weiterreise zum »Rajah von Nepaul in Kathmandu«.

Martabar Singh, nepalesischer Minister und General, mußte den Reisenden wie ein Wesen von einem anderen Stern anmuten: »Er erschien gleich einer aufgehenden Sonne, ganz in Goldstoff gekleidet, von Diamanten, Smaragden und Perlen strahlend, von Sandel und Rosenöl duftend, daß es den Athem benahm. Auf der Brust trug er drei große Goldplatten mit Insignien und Inschriften, die Zeichen seiner Würde, um den Hals dicke Perlenschnüre, auf dem Kopfe den flachen nepaulesichen Turban von chinesischem Brokat, mit Perlen besetzt und einem Paradiesvogel darauf, in den Ohren große Goldreife, Brillantringe an den Armen und allen Fingern. Ein hohes, weißes Roß mit blauen Augen und goldenem Geschirr trug ihn.«

Kathmandu, das ihnen wie das sagenumwobene Babylon vorkam, nahm sie auf den ersten Blick gefangen. Der Prinz und seine Begleiter wohnten während ihres Aufenthalts unter anderem einem »nepaulesichen Vergnügen« bei, das darin bestand, mehreren großen Büffeln mit dem Kora, dem kurzen, aber sehr schweren und scharfen Säbel den Kopf abzuschlagen. Dann ging die Reise weiter nach Benares und Delhi. Während eines Besuchs beim König von Aude wurde Waldemar Zeuge diverser Tierkämpfe. Der König hatte sechzehn starke Tiger in seiner Menagerie, Antilopen, Büffel, Bären, Kamele und Widder, selbst Wachteln und Rebhühner waren zum Kampf abgerichtet. Auch Elefanten wurden, durch Gewürze und Branntwein in Wut versetzt, vor den staunenden Augen der Europäer aufeinanderlosgelassen.

Von Delhi aus brach die Reisegesellschaft dann in Richtung Himalaya auf. Waldemar wollte, sofern es die chinesischen Behörden nicht verhinderten, nach »Tübet« vordringen. Doch die Kulis streikten, der Proviant wurde knapp, viele Brücken waren zerstört. Zudem eilte den Reisenden ein Gerücht voraus, das einen plündernden und brandschatzenden Prinzen beschrieb. Drei Monate lang war die Gesellschaft zu Fuß unterwegs, von Post und Kommunikation gänzlich abgeschnitten. »Trotz solcher kleinen Unbequemlichkeiten stelle ich diese Bergreise als den interessantesten Theil der ganzen Tour oben an. Wir haben viel Mühseligkeiten überstanden, haben wochenlang unter den nassen Zelten geschlafen, und sind ganze Tage hindurch im halbgeschmolzenen Schnee fortgewandert, haben bis an die Knie im eiskalten Wasser stehend mit steifgefrornen Händen Brücken über die reißenden Bergströme gebaut und Abhänge erklettert, an denen eine Ziege Schwindel bekommen hätte, und dabei von zähem Bocksfleisch und hartem Schiffszwieback oder zähem Schipatti (Kuchen aus Gerstenmehl) gelebt.«

Doch am 6. August 1845 gelang es dem Prinzen, die Grenze zum geheimnisumwitterten Tibet doch noch zu überschreiten. Bestaunt von den Einheimischen drangen die Fremdlinge ins Landesinnere vor. »Sie rauchten dabei aus ihren kleinen, silbernen Pfeifen oder drehten ihre Gebetrollen; andere untersuchten kopfschüttelnd das Zeug unserer Kleider, die Knöpfe, Messer und Geräthschaften, kurz Alles, was wir um und an uns hatten, mit der größten Aufmerksamkeit, und die Weiber in demselben rothen Kostüme mit bunten Steinen, Messing und Bernstein behängt, standen ein wenig ferner und lachten unmäßig.«

Nach der Rückkehr der Reisegruppe in englisches Hoheitsgebiet kam es zur Schlacht gegen die Sikhs. Der Prinz preschte mit den englischen Lords voraus, um die Front anzufeuern. Dr. Hoffmeister wurde, an der Seite des Prinzen reitend, von einer Kartätschenkugel getroffen, die in die Schläfe eindrang. »Ein Grab deckt ihn mit vielen seinen an diesem blutigen Tage gefallenen Freunden, und ein Stein auf dem Kirchhofe zu Ferozepur, vom Prinzen dem treuen Arzte und lieben Begleiter errichtet, bewahrt das Andenken an das Ziel und Ende seiner Reise.«

Waldemar, äußerlich unversehrt, kehrte nach Berlin zurück und wurde 1848 zum Kommandeur einer Kavalleriebrigade in Münster berufen. Wenige Monate später starb er – offenbar erschöpft von den Anstrengungen der Reise. Außer Hoffmeisters Aufzeichnungen blieb der Nachwelt das umfangreiche Reiseherbarium des jungen Arztes erhalten, der eine Reihe von Pflanzen nach Waldemar benannt hatte. Die eindrucksvollste davon ist wahrscheinlich die Rhododendron-Sorte »Waldemaria argentea«: ein dreißig Fuß hoher Baum mit seidig behaarten Blättern, dessen Knospen einen prächtigen Anblick bieten.

Literatur: Briefe aus Indien. Von Dr. W. Hoffmeister, Arzt im Gefolge Sr. Königl. Hoheit des Prinzen Waldemar von Preussen. Braunschweig 1847.

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