Kreuzberger Chronik
Oktober 2002 - Ausgabe 41

Die Geschichte

Kreuzberger Neue Zeitung


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von Hans W. Korfmann

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»Was bildet ihr Tinkenkleckser und Alkoholiker euch eigentlich ein? So ein Scheißblatt hat uns gerade noch gefehlt! (Â…) Was macht Ihr denn in eurer Scheißzeitung anderes, als die sogenannten linken Kneipen zu verherrlichen? Primo, Kreschewski und René! Die stecken doch alle unter einer Decke! Wenn ihr nicht genauso gekauft wärt, wie die Springerschreiberlinge, könntet ihr vielleicht berichten, daß dieser René vor kurzem in der Lübbener Straße einen Porno-Laden mit Oben-Ohne-Bedienung aufgemacht hat! Aber dazu seid ihr ja zu feige; genauso, wie ihr Angst habt, diesen Brief zu veröffentlichen!«

So schrieb ein ehemaliger Leser anno 1972 an die Kreuzberger Neue Zeitung, deren 2. Ausgabe gerade erschienen war. Die wiederum war nicht zu feige, den Brief gleich groß und breit auf ihrer letzten Seite abzudrucken.

Dabei hatte das Blatt, im Untertitel als Kreuzberger Autorenselbsthilfe bezeichnet, eigentlich harmlos begonnen. Auf den 26 mit Schreibmaschine beschriebenen, kopierten und mit drei Klammern sparsam gehefteten DIN-A4-Blättern fand sich Lyrik über die Wirtschaft, die sich nur mühsam reimte, aber politisch korrekt links stand: »HabÂ’s früher mit Religion versucht, gebÂ’ heute den Konsumartikeln meinen Segen«. Auch der Kreuzberger Dichter Nepomuk Ullmann unterstützte die neue Zeitung mit seinem geschätzten, wenn auch rhythmuslosen Wort: »Predigten bekommen meyer – Lügen sind dabei genug – Und auf jeder Hure Leyer – Wälzt sich Kirchen-CDU, Lug und Trug.«

Die Stärke der Kreuzberger Neuen Zeitung lag wohl eher im Prosaischen. Sie berichtete über eine Ausstellungseröffnung in der Nulpe und merkte an, daß es nur zwei freie Biere gab. Sie schrieb über Jusos und Junge Union, über ein »Hearing des Kampfkommitees Bethanien und der KPD« und forderte den »Volksentscheid«. Doch in wildes Kampfgeschrei brach sie nie aus. Sie neigte schon in der vierten Ausgabe eher zur Resignation: »Wir sind alle nur Menschen, arm und ohne Eigentum an Produktionsmitteln.«

Im zweiten Jahr ihrer Existenz spendierten Kurt Mühlenhaupt und Artur Märchen zwei Titelillustrationen, und die Nulpe, Willis Geflügelbar und die Dicke Wirtin unterstützten die KNZ, wie sie sich nach Studentenart nannte, mit Werbeanzeigen. Schon in der Nr. 15 wich sie deutlich vom politischen Pfad in die Einöde ab und präsentierte statt dessen eine unterhaltsame Doppelseite »Kneipenklatsch«. Sie verglich, »was noch keiner gewagt hat«, die Kreuzberger Bierpreise (Yorckschlösschen 0,5 – 1,90, Jodlkeller 0,5 – 1,50) und die Buletten (Tankstelle 1,-, Yorckschlösschen 0,90). »Die KNZ machts möglich!«

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Sogar Kontaktanzeigen druckte man, um das Überleben des nun »satirisch literarischen Lokalblattes« abzusichern. Und als nicht allzuviele Kreuzberger dem Blättchen ihre geheimsten Wünsche – »extremer Typ sucht geile Frau zum Bumsen« – anvertrauten, versuchte man es mit stadtüblichen Kleinanzeigen: »Kellerhelmut sucht dringend Wecker!!! Im Jodlkeller abzugeben«. Oder warb für sich selbst: »Die KNZ sucht Handverkäufer für Kärnten und das obere Ennstal (Steiermark).«

In der Nummer 20 stellte sie sich den Lesern »leicht verändert vor«: Zwar blieben die beliebten »Trampelpfad«-Notizen erhalten, die neueste Meldungen aus dem Kiez unters Volk streuten, ebenso wie die feuilletonistischen »Kreuzberger Nachmittage«. Neu aber war »Kreuzberg schreibt. Darin veröffentlichen wir Unsortiertes aus Schublade und Papierkorb Kreuzberger Autoren«, so der Herausgeber H. J. Runkel. Und er rät den Lesern, selbst einmal in der Schublade nachzusehen, damit auch Sie »einmal so berühmt werden wie H. J. Runkel«.

So wehte immer wieder ein frischer Wind durch die heute längst vergilbten Blätter – und er ist noch immer erfrischend. Nach zwanzig Heften war dem Herausgeber klar, daß er es mit seiner Zeitung weder den politisch Korrekten recht machen noch zu Ruhm und Reichtum bringen konnte. Was nicht tragisch war, denn im Gegensatz zu anderen alternativen Druckwerken hatte sich die KNZ ohnehin nie zu ernst genommen. Zwar schrieb sie in der Nummer 22, sie erscheine regelmäßig, korrigierte jedoch schon in der Nummer 27, sie erscheine »regellos«. Sie druckte Kochrezepte, Witze oder kompensierte einen Mangel an Texten mit einem halbseitigen Rätsel, das aus 18 numerierten Kreisen bestand, und schrieb freudig darüber: »Nun noch das lustige Misthaufenspiel – (Regeln auf Anfrage)«.

Einmal nur, im Editorial zur Nr. 33, beklagte der Herausgeber, er habe immer wieder hören müssen, daß die KNZ »doch eigentlich keine richtige Zeitung« sei. Es stünde »nichts drin«, außer ein »bißchen was über Kreuzberg, ein paar blöde Gedichte Â…« Runkel bezweifelte, daß wirklich etwas anderes in den anderen Zeitungen stünde, und hat deshalb »aufmerksam studiert, womit die Kollegen ihre Leser verarschen«. Das Ergebnis der Untersuchung war schon auf der Titelseite erkennbar, und damit die bekannten roten Balken der Bildzeitung auch jedem ins Auge stachen, scheute die KNZ keine Kosten und druckte erstmals zweifarbig: »Prinzessin Claudias Baby vielleicht ein Zwitter? 51 Meter: Weltrekord im Gummistiefelwerfen. Frösche werden knapp Â…«

Fünf Nummern später haben die Macher der KNZ noch immer ihren Spaß mit den Pressestimmen und verbreiten nach Lust und Laune Phantasiemeldungen. Unter dem Titel »Herausgeber erlitt Kollaps – KNZ völlig hilflos« schreibt sie, »daß der Herausgeber eines bekannten deutschen Nachrichtenmagazins von dem Vorhaben der Kreuzberger Neuen Zeitung erfahren« habe, »der freien Presse gewissermaßen einen Spiegel vorzuhalten. (Â…) Der Verlagsleiter mußte den geschockten Herausgeber bis zur Kantine stützen. Dort soll er nach Aussagen der Abräumfrau Elli K. (53) stundenlang bei einem Glas Wasser gesessen haben.« Darunter vermerkt die Redaktion in einem dick umrahmten Kästchen: »Die Kreuzberger Neue Zeitung ruft die Ausgaben 1, 2-14 und 15-37 in die Verlagswerkstätten zurück. Bei unsachgemäßem Lesen können sich Schäden für die Biographie ergeben.«

Der KNZ jedoch wurde ein langes Leben beschert. Denn da sie schon längst nicht mehr monatlich, sondern in immer unregelmäßigeren Abständen erschien – zwischen der Nummer 45 und 46 vergingen beispielsweise vier Jahre –, konnte »das Kultblatt der Hauptstadt« 1997 mit seiner 49. Nummer bereits stolz vom 25. Jahrgang sprechen. Sie erschien auch knapp vor der Jahrtausendwende noch immer mit einer Spalte Lyrik, Kulturnotizen und dem inzwischen 12. Kapitel des Romans eines gewissen Gerson A. Angelow: Die Amouren eines Phantasten. Die letzten Sätze daraus lauteten: »Sie gabÂ’s auf und schwieg; für alle Ewigkeit. – Wird fortgesetzt.«

Die Fortsetzung in der Nummer 50 blieb, soweit bekannt, aus. Bislang. Aber das neue Jahrtausend hat ja auch gerade erst begonnen.

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