Kreuzberger Chronik
Juni 2002 - Ausgabe 38

Die Geschäfte

Anagramm - der Kinderbuchladen mit der Gans


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von Michaela Prinzinger

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Sondertempo, Moderposten, Mopedrosten, Sermondepot, Enormpodest – alle diese Wörter entstehen durch Umstellung der Buchstaben eines Wortes: Postmoderne. Anagramm, der Buchladen für Kinder und Erwachsene, hat sich diese poetische Technik als Motto ausgesucht. Eine Freundin habe eines Tages dieses Wort hervorgezaubert, nachdem lange Zeit nach einem geeigneten Namen gefahndet worden war, erzählt Bettina Braun.

Die vier Frauen, die seit fast acht Jahren den Buchladen am Mehringdamm betreiben, wollten einen Namen, der das neue Konzept widerspiegelte – nämlich ein Anlaufpunkt für Kinder und Erwachsene zu sein, ohne die ideologischen Einengungen der siebziger und achtziger Jahre. Auch das Wort vom Kollektiv oder gar Frauenkollektiv hört man im Anagramm nicht mehr so gerne, obwohl die Geschichte des Buchladens in die Zeit der Kinderladenbewegung zurückführt.

Die Idee zum »Kinderbuchladen« entstand im Herbst 1975, denn damals gab es keine Buchläden speziell für Kinder, nur Geschäfte, die Spielwaren inklusive Bücher in City-Lage verkauften, oder Ramschware in Kaufhäusern. Daher dachte man daran, einen Kinderbuchladen im Arbeiterbezirk Kreuzberg ohne Spielzeugverkauf – von den Gründerinnen als »industriell gefertigte Kinderscheinwelt« verurteilt – ins Leben zu rufen. Er wurde zunächst von vier Frauen gegründet, die selbst Kinder hatten und die Schwierigkeiten kannten, gute Kinderbücher zu finden.

Im Februar 1976 war es dann soweit: Der erste Kinderbuchladen wurde in der Großbeerenstraße eröffnet. Und nach drei Jahren platzte der Laden aus allen Nähten, denn das Projekt fand Anklang. So zog man in die Hornstraße 2 um. Dort verfügte man über größere Räume mit einem Vorgarten und einer Besucherecke, wo in aller Ruhe geschmökert und gequatscht werden konnte. Zudem wurde eine Leseecke für Kundenkinder und Besucher eingerichtet. Kinder aus der Umgebung, die außer ihren Schulbüchern kaum andere Bücher kannten, kamen regelmäßig in den Laden. Eine Tausch-Ecke wurde einführt, Bücher konnten eingetauscht werden, wie in einer Bücherei, doch ohne den Zwang zur Rückgabe.

Anagramm-Team
Die Macherinnen. Foto: Anagramm
Das Modell war typisch für Kreuzberg: Es sollte keine Chefin und keine Putzfrau geben, alle waren in gleicher Weise eingebunden, vom Bestellen und Verkaufen der Bücher über Büroarbeit bis zum Saubermachen. Damals formulierten die Frauen, die durch die Praxis zu Buchhändlerinnen geworden waren, noch ziemlich rigide: »Wir lehnen Kinderbücher ab, die Kinder künstlich kleinhalten, die sie in eine Welt von Wichten und Hexen und Blümlein verbannen und ihnen den Zugang zur wirklichen Welt versperren; die Kinder ängstlich von Konflikten fernhalten und sie wacker an den heiligen Kühen Ordnung, Sauberkeit, Gehorsam festhalten lassen.«

Heute, in einigem Abstand zu den Gründerjahren, formuliert es Bettina Braun gelassener: Ein gutes Kinder- oder Jugendbuch solle Spannung und Spaß vermitteln, die Kinder und ihre Welt ernst nehmen, Kinder sollten selbst vorkommen und ihre Probleme mit Phantasie bewältigen. Die kleinen Leser sollten ihre Wirklichkeit wiedererkennen können, Möglichkeiten von Auswegen aus verfahrenen Situationen und Möglichkeiten zur Veränderung aufgezeigt werden. Erwachsene müßten als angreifbar dargestellt werden und die Verantwortung für das eigene Handeln sichtbar werden.

In den siebziger und achtziger Jahren konnte der »Kinderbuchladen« auf die Unterstützung eines Mäzens zurückgreifen, ohne den die inhaltliche Arbeit – ohne Rücksicht auf ökonomische Richtlinien – nicht möglich gewesen wäre. Heute, ohne idealistischen Geldgeber und mit immer weniger Buchbestellungen aus Kinderläden und öffentlichen Büchereien, muß sich Anagramm zeitgemäß präsentieren, um die hohe Miete einzuspielen und einen breiteren Kundenkreis anzusprechen. Doch Gabriele Schmiga, Uta Bornefeld, Maria Enzinger und Bettina Braun setzen immer noch auf die alten Tugenden: kompetente Beratung und persönlicher Kontakt zu den Kunden. Damit kann der Internetbuchhandel nicht konkurrieren. Und die Kunden kämen aus einer bewußten Entscheidung heraus ins Anagramm, meint Bettina Braun. »Der Standort Kreuzberg ist uns wichtig. Wir könnten uns nicht vorstellen, wegen der kaufkräftigeren Kundschaft nach Charlottenburg umzuziehen«, erklärt sie.

Anagramm fühlt sich gut eingebettet in das Netzwerk kleiner Buchläden im Kiez: »Jede Buchhandlung hat ihre Schwerpunkte, und so kann man die Kunden weiterempfehlen. Im Kiez ist jede Abteilung eines großen Medienwarenhauses vertreten, aber eben nicht unter einem Dach, sondern mit einem netten Spaziergang verbunden. So kann jede und jeder zu seinem Lieblingsthema etwas finden.«

Es sei bedenklich, daß langjährige Institutionen wie das Ringelnatz in der Zossener oder der Krakeeler in der Hagelberger Straße nach vielen Jahren aufgeben müßten. Das Schreckgespenst eines Kreuzberger »Hugendubel« hänge wie ein Damoklesschwert über den kleinen, spezialisierten Buchhandlungen. Daher sei man besonders von der Treue der Kunden abhängig.

Und die Kunden kommen gerne in die großzügigen, hellen und freundlichen Räumlichkeiten. Dort finden sie die Bücher nach Themenbereichen gegliedert, und auch im Erwachsenen regt sich der Spieltrieb, wenn er die Bücher über Fadenspiele, Schminken, Zaubertricks, Fingerspiele, Mandalareisen, Basteln oder Farben durchblättert. Und die Titel der Jugendbücher führen zurück in längst vergessen geglaubte spätkindliche oder frühpubertäre Jahre: »Doktor Doolittle auf der Drachenkopfinsel«, »Romana und das neue Baby« oder der Klassiker »Pünktchen und Anton«. Nur »SMS und Currywurst« gab’s damals noch nicht. Aber die Dinosaurier, König Artus, die alten Römer und Ritter sind ewig interessante historische Themen.

Auch den Spielwaren verschließt sich Anagramm, ganz im Gegensatz zu seinem Vorläufer, nicht mehr. So finden sich neben Spielsachen für die Kleinsten auch Roboterbaukästen und Software über Labyrinthe oder Eisenbahnen im Sortiment. Bettina Braun sieht in den CD-Rom keine Gefahr für das konventionelle Buch: »Die Kinder stehen beidem offen gegenüber. Es ist eigentlich nur eine Frage der Zeit, die ihnen nach der Schule bleibt, mit welcher Form sie sich beschäftigen.« Und bekannt ist Anagramm schließlich auch für seine Auswahl von CDs und Audiokassetten mit Kinderliedern.

Das Maskottchen, das Kinder und Erwachsene gleichermaßen anzieht, ist Anna, die Schaufenstergans, im Anagramm am Mehringdamm. Sie ist je nach Thema des Schaukastens anders verkleidet, einmal hockt sie im Kochtopf, dann wieder im Urlauberinnendress im Reisekoffer. Sie ist so sehr zum Bestandteil der Buchhandlung geworden, daß sie von den Kunden schmerzlich vermißt wird, wenn sie einmal nicht im Schaufenster sitzt. <br>

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